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Zeit für einen neuen Schulsport

  • Autorenbild: Lisa Gutzelnig
    Lisa Gutzelnig
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Nachhaltigkeit beginnt im Alltag – bei Kleidung, Konsum und Gewohnheiten.

Der „Nachhaltig leben“ Newsletter greift genau diese Themen regelmäßig auf.


Kinder und Jugendliche brauchen kleine Abenteuer wie die Luft zum Atmen. Sie wollen sich ausprobieren und über sich selbst hinauswachsen. Die Natur bietet dafür optimale Voraussetzungen. Entwicklungspsychologen sind sich einig: Lernen durch Bewegung in der freien Natur ist ein zentraler Motor für die kognitive Entwicklung.


Es ist Zeit einen Perspektivenwechsel im Schulsport anzustreben und die klassischen Leistungsmaximen zu hinterfragen. Bild: Shutterstock.com
Es ist Zeit einen Perspektivenwechsel im Schulsport anzustreben und die klassischen Leistungsmaximen zu hinterfragen. Bild: Shutterstock.com

Im klassischen Schulsport steht seit Jahrzehnten vor allem die körperliche Leistung im Vordergrund. Die einen glänzen im Unterricht, die anderen fühlen sich gedemütigt oder beschämt. Entwicklungspsycholog:innen plädieren daher heute für mehr Perspektiven und einen ganzheitlichen Ansatz im Sportunterricht. Viele Schüler:innen kritisieren nicht nur die schlechten Rahmenbedingungen, sondern auch die Art des Schulsports. Sie wünschen sich individuellere Förderung und moderne Trendsportarten wie Inline-Skating, Klettern, Kampfsport, Orientierungsläufe oder Outdoor-Spiele wie Basketball oder Football. Stattdessen dominieren weiterhin Turnen und Leichtathletik. So droht der Sportunterricht, zu einem Museum traditioneller Sportarten zu werden.


Kritik im Sport belastet stark


Im Schulsport sind Schüler:innen nicht nur körperlich, sondern auch kognitiv, motorisch, psychisch und emotional gefordert. Positive Erlebnisse wirken intensiver – doch negative ebenfalls. Weil Kinder mit ihrem ganzen Körper agieren, trifft Kritik sie doppelt hart. Eine negative Bemerkung der Lehrenden vor der gesamten Klasse kann den Selbstwert stark beeinträchtigen. Denn das Kind performt mit seinem ganzen Körper, und im Umkehrschluss betrifft die Kritik des Lehrers auch den ganzen Körper.


Kinder wissen schon früh, wie ein „idealer“ Körper auszusehen hat. Laut einer Studie der Pädagogin Petra Milhoffer entwickeln bereits Acht- bis Vierzehnjährige klare Vorstellungen vom vermeintlichen Ideal: sportlich, stark, gutaussehend. Vier von fünf Kindern empfinden ihren Körper als problematisch – eine erschreckende Zahl. Man kann sich leicht vorstellen, wie beschämend Situationen im Sportunterricht für jene sind, die diesem Ideal nicht entsprechen.

Hinzu kommt, dass der Leistungsgedanke weiterhin die Oberhand im Schulsport hat. Er ist hier noch viel intensiver verankert als in anderen Fächern. Der Sportunterricht ist traditionell geprägt von Wettkampf und Leistung, das Mindset der Sportlehrer:innen teilweise so hart und festgefahren wie Beton. Wer für klassische Sportarten die körperlichen Voraussetzungen nicht mitbringt, erscheint schnell als defizitär.


Deshalb steht das Thema „Psychisches Leid“ inzwischen großgeschrieben auf der Agenda im Lehramt Sport. Nur wenn Lehrkräfte für das Thema sensibilisiert werden, kann sich die Situation verbessern. Lehrende müssen wissen, dass manche Kinder durch den Schulsport in Situationen gebracht werden, in denen sie sich unsicher fühlen. Statt auf Defizite zu schauen, sollten Lehrkräfte fragen: Wo liegen die individuellen Potenziale des Kindes? Wohin kann es sich mit seinen Voraussetzungen entwickeln?


Mehrperspektivischer Sportunterricht


Die Kunst eines modernen Sportunterrichts liegt darin, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Wer die gesamte Bandbreite von Sportarten berücksichtigt, ermöglicht verschiedenen Schüler:innen Erfolgserlebnisse und reduziert Beschämungssituationen.


Sportarten wie Tanzen, bei denen Ästhetik im Vordergrund steht, oder Yoga, das auf Entspannung setzt, eröffnen ganz neue Chancen zu glänzen. Gleichzeitig wird deutlich: Themen wie Leistung und Kooperation werden im klassischen Turnunterricht überbetont, während Wagnis und Gestaltung kaum Platz finden.


Wo der Sport nur Gewinner:innen und Verlierer:innen kennt, geraten Kinder schnell in das Gefühl, selbst zu versagen - mit Folgen für ihr Selbstvertrauen und ihre Freude an Bewegung. Bild: Shutterstock.com
Wo der Sport nur Gewinner:innen und Verlierer:innen kennt, geraten Kinder schnell in das Gefühl, selbst zu versagen - mit Folgen für ihr Selbstvertrauen und ihre Freude an Bewegung. Bild: Shutterstock.com

Doch wo können Schüler:innen Mut beweisen? Wo können sie ein Wagnis eingehen oder selbstwirksam gestalten? In der Natur.


Ein einstündiger Spaziergang in der Natur, Blumenraten, gemeines Lösen von Outdoor-Aufgaben, Naturbeobachtungen: Derart einfache Aktivitäten ermöglichen individuelle Bewegungserfahrungen ohne Leistungsdruck, ohne Stoppuhr und ohne Bewertung. Im Vordergrund steht: Bühnensituationen vermeiden, die Gefahr des Voyeurismus reduzieren und durch das bewusste Zusammenstellen von Kleingruppen Mobbing gezielt vorbeugen.


Erlebnissport im Unterricht


Wald, Wiese, Sport- und Spielplätze sind motivierende Räume, in denen Bewegungserfahrungen mit allen Sinnen möglich sind. Das Besondere: Die Atmosphäre im Freien, das Überwinden von Hindernissen und das direkte Naturerlebnis fördern Mut, Kreativität und Selbstvertrauen.


Intensive Naturerfahrungen können Kindern und Jugendlichen auch erste Impulse zu einem verantwortungsbewussten Handeln unter ökologischen und nachhaltigen Gesichtspunkten geben.


Sportarten aus den Bereichen Wasser-, Berg-, oder Schneesport sind Inhalt zahlreicher Wandertage und Klassenfahrten.

Zusammenhalt und Vertrauen stärken


Schüler:innen reflektieren im Idealfall ihre Stärken und Schwächen, übernehmen Verantwortung und entwickeln durch spielerische Bewegung Eigeninitiative. Im Team Aufgaben zu lösen, Hindernisse zu überwinden und Vertrauen aufzubauen, stärkt ihre sozialen Kompetenzen nachhaltig.


Der sogenannte Natursport hat in den letzten Jahren in der Schule zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sportarten aus den Bereichen Wasser-, Berg- oder Schneesport sind Inhalt zahlreicher Wandertage und Klassenfahrten. Darüber hinaus bietet die Neuorientierung der Richtlinien und Lehrpläne – die unter anderem eine Öffnung für neue Sportarten vorsieht – die Möglichkeit bisher wenig beachtete Bewegungsfelder auch im „normalen“ Schulsport zu thematisieren. Die Umsetzung von Natursport in der Schule steht allerdings im Spannungsfeld zwischen Richtlinien und aktuellen Sicherheitsvorgaben.


Im Unterricht, in Projekten oder auf Schulfahrten können Schüler:innen Schritt für Schritt an Bewegungsabläufe herangeführt werden. Natur erleben, Verantwortung übernehmen, Selbstwert stärken – davon profitieren alle.


Also, nichts wie raus ins Freie!

 
 
 

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