• Michaela Hocek

WENN EINER REISE TUT...

… dann sollte sie nachhaltig sein. Städtetrip, ­Winzerregion, Bergtour

oder doch ans Meer?

Keine Sorge, es gibt für alles eine ­umweltfreundliche ­Variante. Wer ­seinen ökologischen Fußabdruck ­kleinhalten will, ­verzichtet auf eine Fernreise oder

setzt ­bewusst regionale Akzente.



Das Geheimnis des nachhaltigen Reisens ist, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Natürlich ist niemand von uns perfekt, aber wenn jeder Mensch seinen Urlaub mit Bedacht plant, werden sich die positiven Auswirkungen wie von selbst summieren. Ohne dass wir auf unvergessliche Momente verzichten und hohe Ansprüche zurückschrauben müssen. Ein erster sinnvoller Schritt ist es, Reisen nicht als prestigeträchtigen Zeitvertreib oder Wettbewerb zu verstehen, der zum Zweck der potenziellen Prahlerei nach der Heimkehr unternommen wird. Schließlich wäre es erstrebenswert, idyllische Plätze so zu besuchen und sich in einer Art zu erholen, dass auch nachfolgende Generationen den Reizen unseres Planeten noch erliegen können. Informationen über verantwortungsvolle Reiseunternehmen, Eventveranstalter und Unterkünfte können heute so schnell und einfach wie nie zuvor aus dem Netz gefischt werden, vorausgesetzt man kennt die nötigen Schlagwörter. Auf den nächsten Seiten finden sich markante Hinweise.


Provokante Denkanstöße

Müssen wir uns tatsächlich tausende Kilometer von zuhause entfernen, um anzukommen? Was ist der realistische Nutzen von einem Tagesausflug oder Shoppingtrip mit dem Flugzeug? Sollte es nicht eine selbstverständliche Respektsache sein, sich über Naturschutzinitiativen, Projekte zum Kulturerhalt und soziale Engagements vorab zu informieren, um mit einem guten Gewissen seinen Urlaubsort zu erreichen? Wie sinnvoll ist es, in Regionen zu reisen, wo Umweltsünden, Tierquälerei oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse auf der Tagesordnung stehen? Lohnt sich der Sightseeing-Stress, wenn man erst beim Sichten der unzähligen Fotos realisiert, wo überall Station gemacht wurde? Müssen auf einer Berghütte importierte Garnelen verspeist werden? Warum werden Reisestrapazen in Kauf genommen, um an der Strandpromenade die gewohnte Hausmannskost auf dem Teller zu erwarten? Wo sind die guten alten Zeiten hin, wo ein zweiwöchiger Haupturlaub Minimum und Selbstverständlichkeit war? All diese Fragen haben sich nicht zuletzt in der herausfordernden Zeit der aktuellen Pandemie viele Menschen gestellt. Zu Recht, wie wir meinen. Denn auch in der Redaktion hat sich gezeigt, dass ein Überdenken vieler unserer liebgewonnenen Reisegewohnheiten durchaus das Sinken des eigenen Stresslevels bewirkt hat. Und so haben wir uns daran gemacht, für diese Story nachhaltige Urlaubstipps zusammenzustellen, die das Zeug haben, langfristig Bestand zu zeigen. Aufkeimende Reiselust inklusive, versprochen.



 

Step-by-Step

Was man selbst tun kann, um ­nachhaltig zu reisen


Kofferpacken

Seien wir ehrlich: Im Endeffekt haben wir für jede Reise zu viel eingepackt. Wer nur mit dem Nötigsten verreist, hat weniger zu schleppen und belastet mit jedem eingespartem Paar Schuhe oder zu viel Reservekleidung die Umwelt weniger.

 

Klimaschonende An- und Abreise

Je kürzer die Reisestrecke ist, desto eher lohnen sich öffentliche Verkehrsmittel. Innerhalb Europas gibt es ein gut erschlossenes Bahnnetz. Wer dem Reiz von Billigfliegern widersteht, leistet seinen Beitrag zum nachhaltigen Reisen. Der WWF Austria betont auf seiner Website, dass die „Urlaubsdauer und Entfernung zum Ziel in einem vertretbaren Verhältnis stehen sollten“ und führt folgende Faustregel an: Flüge unter 700 Kilometer sind zu vermeiden, hier ist der Bahn oder dem Reisebus der Vorzug zu geben.

 

CO2-Emissionen von ­Flugreisen ­kompensieren

Über Organisationen wie atmosfair, myclimate oder Climate Austria wird mithilfe eines Klimarechners die Schadstoffbelastung des Fluges ermittelt. Der auf dieser Basis vorgeschlagene Kompensationsbetrag kann an diverse Klimaschutzprojekte gespendet werden. Das ist natürlich kein Freibrief zum gedankenlosen Herumfliegen in der Welt!

atmosfair.de | myclimate.org | climateaustria.at


Müll vermeiden auf Reisen

Mit einer zusammenfaltbaren Stofftasche, einer Wasserflasche, einem Wachstuch, einem Mehrwegbecher aus Keramik für den To-Go-Kaffee und Behältern für Essen oder den Transport von Markteinkäufen kann man viel Einmalgeschirr, Wegwerfverpackungen und Plastiktüten sparen. Mehrere waschbare Mund-Nasen-Schutz-Masken dürfen im Gepäck ebenfalls nicht fehlen. Mit einem Wasserkocher vor Ort oder einem kleinen Reisebügeleisen können sie zwischendurch desinfiziert werden.


Natur bewahren

Geführte Wanderungen, Tierbeobachtungen oder Bootsfahrten in Nationalparks und Wasserschutzgebieten mit erfahrenen Guides schonen die Natur, bringen neues Wissen und steigern den Erlebnisfaktor. Muss man im Urlaub wirklich in Trockengebieten Golf spielen, abends bei Flutlicht eine Tennispartie bestreiten oder sich bei Querfeldein-Touren mit dem Mountainbike auf der Alm oder auf dem Quad durch die Wüste beweisen?


Auswahl von Souvenirs und ­Infomaterial mit Bedacht

Vorsicht beim Muschel- und Schneckensammeln: Sie sind häufig geschützt. Finger weg von exotischen Tieren, Hörnern, Stoßzähnen und edlen Hölzern. So erspart man sich nebenbei auch unliebsame Überraschungen am Zoll. Auch Ausflugsprospekte und Papierlandkarten sollten nicht wahllos mitgenommen werden. Zuhause landen sie meist doch nur im Müll. Oft reicht schon das Abfotografieren einer Broschüre, eine Offline-Map am Smartphone oder der QR-Code eines Tickets sowie eine Audio-Guide-App, um sich zurechtzufinden.

 

Bewusst auf Zeit wohnen

Bei der Buchung auf Zertifizierungen von Betrieben und Ausflugszielen – z.B. TourCert, Viabono, Bio Hotels, Blaue Flagge –achten. Landestypische Unterkünfte sind an die örtlichen Gegebenheiten angepasst. Häuser zeichnen sich durch natürliche Kühlung und Bauweisen im Einklang mit der Natur aus. Empfehlenswert ist es auch, nach Unterkünften auf nachhaltigen Buchungsplattformen – z.B. bookitgreen.com, ­fairunterwegs.org, goodtravel.de – zu suchen. Auf All-Inclusive-Arrangements sollte generell verzichtet werden. Das verleitet nur zu einem Übermaß an Konsumation.


Schmecken und genießen

Regionale Köstlichkeiten kennenzulernen, ist eine der größten Urlaubsfreuden, die es gibt. Essen sollte man vorzugsweise in kleinen, lokalen Restaurants. Es lohnt sich, nach familiengeführten Betrieben Ausschau zu halten oder zu beobachten, wo viele Einheimische einkehren. Um internationale Fast-Food-Ketten vor Ort sollte man einen Bogen machen. Es lohnt sich, Einheimische nach Märkten und Wochenmärkten zu fragen, um authentisch in kulinarische Traditionen einzutauchen. Im Internet kann eine Recherche mit dem Begriff „Slow Food“ und der Urlaubsregion Interessantes zu Tage fördern. Auch Blogs von Reiseenthusiasten sind eine gute Quelle für Restaurantempfehlungen. Grundsätzlich sollte man sich daran halten, Meeresfrüchte in Küstennähe, Wildgerichte in Waldregionen und Obst und Gemüse aus regionalem Anbau zu genießen.


Alternativen zum Mietwagen

Ob Tagesausflug oder etappenreiches Inselhopping: Ein Mietwagen ist in Sachen Emissionen nicht immer die beste Wahl. Öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder Fahrgemeinschaften sind effizienter und meist auch kommunikativer. In Gesprächen mit Einheimischen oder anderen Reisenden eröffnen sich oft ungeahnte Urlaubsmomente und bleibende Erinnerungen, sobald man sich abseits von fix geplanten Reiserouten begibt. „Sich treiben lassen“ ist eine Eigenschaft, der man im Urlaub frönen darf und soll. Abseits ausgetrampelter Touristenpfade liegt die Chance, Lokalkolorit zu inhalieren und regionale Spezialitäten kennenzulernen. Wobei natürlich abzuwägen ist, ob es sich um moralisch einwandfreie Aktivitäten handelt. Von Affen an der Leine, die Kunststücke gegen Geld vorführen, oder Fotos mit angeketteten Elefanten und jungen Raubtieren sollte man sich distanzieren. Denn mitunter bedeutet auch „Nein“-Sagen Nachhaltigkeit.


Auf ins Micro-Adventure

Sind sämtliche Urlaubstage schon aufgebraucht oder das Zeitbudget begrenzt, könnte man ein „Micro-Adventure“ riskieren. Hinter dem klingenden Trend steht die Idee des Briten Alastair Humphreys, sich Abenteuer ganz in der Nähe zu suchen. Das kann eine Themen-Führung in der eigenen Stadt oder ein Camping-Wochenende im Nachbarort sein. Hip ist es neuerdings auch, mit dem Öffi der Wahl eine Endstation zu erreichen und von dort zu Fuß nach Hause zu gehen. Freuen darf man sich auf architektonische Entdeckungen, kulinarische Inspirationen und neue Blickwinkel auf Orte, die man bislang zu kennen glaubte. In diesem Sinne: Bon Voyage!