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Waldbaden: Warum der Wald Körper und Seele guttut

  • Autorenbild: Lisa Gutzelnig
    Lisa Gutzelnig
  • vor 15 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Wer den Begriff Waldbaden zum ersten Mal hört, denkt vielleicht an ein Bad in einem Waldweiher. Doch gemeint ist damit, in den Wald einzutauchen und ihn bewusst auf sich wirken zu lassen: wie es nach würzigem Harz riecht, wie viele Grünschattierungen es gibt, wie ein Specht rhythmisch gegen einen Stamm klopft, wie weich das Moos unter den Füßen ist, wie laut das Blätterrauschen wirkt. Wer sich im Leben nach Entspannung und Ruhe sehnt, kann in die Atmosphäre des Waldes wunderbar abtauchen. Ein Bad zwischen Holzgewächsen ist nicht nur Balsam für Körper, Seele und Geist, es hat auch eine eindrucksvolle Wirkung auf unser körpereigenes Abwehrsystem. Doch woher kommt der Trend? Und was sagt die Wissenschaft dazu?


Wie alles begann…


Was auf den ersten Blick esoterisch wirken mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine wissenschaftlich anerkannte Form der Gesundheitsförderung. Am Anfang des Waldbadens stand eine Marketingkampagne: Das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forste und Fischerei versuchte in den frühen 1980er-Jahren mit dem findigen Marketing-Slogan „Shinrin Yoku“ (übersetzt: „ein Bad in der Waldatmosphäre nehmen“), die einst so naturverbundenen Einheimischen wieder vermehrt in die Wälder zu locken. Initiator ist Umwelt-Immunologe Qing Li. Er hat mehr als 30 Jahre auf dem Gebiet der Waldmedizin geforscht und ist überzeugt: Sich längere Zeit in der Nähe von Bäumen aufzuhalten, stärkt die Abwehrkräfte, kurbelt den Stoffwechsel an, senkt Blutdruck und Herzfrequenz, reduziert Stress, verbessert die Konzentration und kann sogar Depressionen mildern.


Wissenschaftlich von einem millionenschweren Forschungsprogramm begleitet, führte die Idee des Waldbadens bald zu ungeahntem Erfolg. So besuchen mittlerweile jährlich rund fünf Millionen Menschen den nationalen Erholungswald von Akasawa. Auf japanischen Universitäten wurde „Waldmedizin“ als eigene wissenschaftliche Disziplin eingeführt und ein mehrtägiges „Shinrin Yoku“ (Waldbaden) gibt es bei manchem japanischen Arzt sogar auf Rezept.


Auch in Europa schnuppern immer mehr Menschen Waldluft. Schließlich sind nicht nur japanische Pinien, Lerchen und Zedern heilsam, sondern auch europäische Fichten, Kiefern und Buchen. Auf den Spuren der japanischen Gesundheitsvorsorge bietet das Immanuel-Krankenhaus Berlin mittlerweile einen Waldbadepfad am Berliner Wannsee an. Aber auch im 900 Jahre alten Aletschwald in der Schweiz kann man unter Anleitung einer japanischen Yoga-Lehrerin „die befreiende Wirkung für Körper, Geist und Seele entdecken.“


In Mosnang im Kanton St. Gallen bietet die Psychotherapeutin Dagmar Wemmer „Achtsamkeitsorientierte Wald-Therapie“ für Kleingruppen an. Die Fachärztin berichtet von guten Erfolgen. Teilnehmende seien bereits nach einer Stunde ruhiger und entspannter. Ängste und Überforderungsgefühle würden deutlich nachlassen.


Grüne Regeneration – Wunderwald


Farbpsychologen schätzen die vielen Grüntöne des Waldes als beruhigend und harmonisierend ein. Bereits der Anblick eines Waldes kann den Stresshormonspiegel im Blut senken sowie Wohlbefinden und Stimmung heben. Zudem zeigte eine Studie, dass die Wunden von Patienten mit „Baumblick“ schneller heilten, sie weniger Schmerzmedikamente benötigten und früher aus dem Krankenhaus entlassen werden konnten.


So funktioniert Waldbaden


  1. Gedankenkarussell stoppen: Nicht über Vergangenes und Künftiges grübeln; mit den

    Gedanken beim Erlebten bleiben.


  1. Den Wald nicht nur als grüne Kulisse für Freizeitaktivitäten nutzen.


  1. Nicht die Hektik und den Leistungsdruck des Alltags fortsetzen und auf Jogging- oder Nordic-Walking-Pfaden Fitness-Rekorde aufstellen wollen.


  1. Das Smartphone zu Hause lassen.


Das Gehirn entspannt im Wald


Amerikanische Forscher fanden heraus, dass sich der Blutstrom im präfrontalen Cortex, einem Teil des Gehirns, bei Probanden im Wald verringerte. In der modernen Industriegesellschaft nutzt der Mensch vorwiegend die Fähigkeiten des präfrontalen Cortex, um zum Beispiel hochkonzentriert zu arbeiten oder einem Sachverhalt zu folgen. Entscheidend für die menschliche Gesundheit ist, dass der Denkapparat entspannen kann und sich die Gehirnaktivität in andere Areale verlagert, die als ruhig empfunden werden. Die Studien zeigen anhand der Blutströme im Gehirn, dass der präfrontale Cortex im Wald zur Ruhe kommt.


Alle Teilnehmer gaben an, dass sie schon nach kurzer Zeit weniger gegrübelt hätten. Stattdessen richteten sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung und ihre Stimmung hellte sich auf. Übereinstimmend gaben die befragten Waldbesucher in zahlreichen Tests an, dass sie sich nach dem Aufenthalt im Wald stärker fühlten sowie weniger Angst und Unruhe verspürten.


Stärkung der Abwehrkräfte


Wer in einem Nadelwald tief einatmet, kann vielleicht einen Hauch ganz spezieller Phytonzide verspüren: Die intensiv riechenden Terpenoide gelten medizinisch als besonders wirksam und werden vor allem von Nadelbäumen wie Fichten, Tannen und Kiefern verströmt. Menschen riechen manche der Terpene sehr deutlich, andere Terpene nimmt der Mensch unbewusst wahr, da ihre Konzentration im Wald gering ist. Dennoch wirken sie auf das Nervensystem.


Gerade diese botanischen Duftstoffe sollen unsere Immunabwehr mit mehr Schutzzellen wappnen: Eine Studie zeigt, dass ein Tag im Wald den Anteil der wichtigen natürlichen Killerzellen um bis zu 40 % erhöht. Dieser Effekt hält etwa eine Woche an. Bei zwei Tagen im Wald verdoppelt sich die Wirkung sogar und es dauert einen ganzen Monat, bis das Niveau wieder sinkt. Laut einem Forscherteam rund um den Mediziner Qing Li scheinen Terpenoide im Gehirn zudem bestimmte Botenstoffe zu produzieren, die auf den Blutzuckerspiegel, Blutdruck und Stresshormone günstig wirken.


Beim Waldbaden gilt: erleben statt denken – und verweilen ohne eilen. Bild: Shutterstock.com
Beim Waldbaden gilt: erleben statt denken – und verweilen ohne eilen. Bild: Shutterstock.com

Deshalb, wie als Kind staunen und Zeit vertrödeln. Und den Wald mit seinen Farben und Formen, Geräuschen und Gerüchen in sich aufnehmen. Ziel ist es, durch langsames Gehen und achtsames Wahrnehmen der Umgebung, wie das Beobachten der Bäume, das Hören der Vögel und das Atmen der frischen, von ätherischen Ölen bereicherten Luft, eine tiefe Verbindung zur Natur herzustellen.


Waldbaden ist kein Wandern, sondern eine viel langsamere und bewusstere Erfahrung in der Natur. Besonders in unserer sehr schnelllebigen Welt wird es wichtiger, sich aus dem Alltag herauszunehmen. Ein Wald und die reizarme natürliche Umgebung des Waldes unterstützen Körper, Nervensystem und Gehirn dabei, sich wieder zu regulieren.


Beim Waldbaden gilt: erleben statt denken – und verweilen ohne eilen. So kommt jeder mit Muße und Achtsamkeit in den Genuss der beeindruckenden Heilkraft des Waldes.

 
 
 

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