• Michaela Hocek

Tipps zum achtsamen Fotografieren: Interview mit Lisa Ludwig

In drei Sätzen:

Die Fotografin sitzt gerne mal 30 Minuten an einem Ort, um den richtigen Moment zu erwischen. Um die Umwelt zu schützen, nutzt sie ­Onlinegalerien und archiviert ihre Cloud regelmäßig. Spots, die auf Social Media gehypt werden, meidet sie bewusst.

Lisa Ludwig

Die Fotografin Lisa Ludwig stammt aus der Schweiz und ist weltweit tätig. Seit 2016 fotografiert sie Menschen und deren Geschichten, die so niemand anders erzählt. Sie reist an die entlegensten Ecken der Erde und nimmt ihre Leser auf wanderwithlilu.com mit auf ihre Abenteuerreise. Mit ihrem Freund und Hund, wird sie schon bald Geschichten aus dem Van erzählen.


Was bedeutet achtsam fotografieren?

Achtsam Fotografieren bedeutet für mich, dass ich den Moment wahrnehme und die Kamera bzw. das Handy in der Tasche lasse. Auch wenn die Umgebung noch so schön ist. Ich fühle mich also ins Hier und Jetzt. Ich bin nicht schon mit meinem Kopf bei „Wo könnte ich wie, das beste Bild fotografieren“.


Worauf ist besonders zu achten?

Ich beobachte: Wie riecht es hier? Wie fühlt sich die Temperatur an, die mich umgibt? Welche Geräusche höre ich und nehme ich wahr? Sind Tiere um mich herum? Sprechen Menschen und worüber sprechen sie? Wie sieht die Umgebung aus? Welche Farben umgeben mich? Ich überlege, was ich mit meinen Sinnen wahrgenommen habe und was aus der Umgebung das widerspiegelt. Dadurch wird das Foto viel lebendiger.

Aber, es kann auch anders sein! Ich selbst ertappe mich auch mal, dass ich an einem schönen Ort bin und einfach drauf loslege, um zu fotografieren, während ich mehrmals meine Position für den perfekten Winkel wechsle. Schnell noch ein paar Fotos geschossen, mit mehr Menschen drauf. Jetzt noch ein Video gemacht, Bilder im Hochkantformat für Instagram Storys und schnell weiter auf den Weg. Zurück im Auto fühle ich mich gehetzt. Es fühlt sich an, als wäre ich nie da gewesen, wenn man alles nur durch die Linse betrachtet.


Wie hilft die analoge Fotografie dabei, bewusster zu fotografieren?

Unbegrenzter Speicher heißt auch, sich „vollzumüllen“. Mit einem analogen Film habe ich „Speicherplatz“ für genau 36 Bilder (oder weniger). Ich begrenze mich also automatisch und nehme mir deshalb bewusst Zeit für das eine perfekte Bild. Deshalb sitze ich gern mal 30 Minuten an einem Ort. Achtsam warte ich auf den „richtigen Moment“. Dabei kann es vorkommen, dass ich alles einstelle, durch die Linse schaue und dann denke: „Nein, davon mache ich jetzt kein Bild, denn es ist doch nicht so spannend, dass ich mir das jemals wieder anschauen würde“.


Was kann man nach dem Drücken des Auslösers für die Umwelt tun?

Wenn ich Bilder als Druck bestelle, achte ich darauf, dass ich auf Eco- oder Recycling-Papier drucken lasse. Außerdem sollten die Alben und Bilder nicht in den USA oder China bestellt werden, sondern regional. Das ist zwar meist etwas teurer, aber spart einiges an Transportemissionen ein.

Um die Umwelt zu schützen, nutze ich ­Onlinegalerien, wie Pic-Time für Kunden und iCloud Drive in einem begrenzten Zeitraum und lösche dann die Bilder vom externen Server. Denn Server laufen rund um die Uhr, verbrauchen Strom und erzeugen sehr viel Wärme. Diese Wärme muss natürlich gekühlt werden. Dadurch entstehen CO₂-Emissionen.

Außerdem schaue ich mir regelmäßig alte Bilder in meinem Archiv an und lösche einige, die doppelt sind oder die ich nicht mehr brauche. Zudem ziehe ich regelmäßig die Bilder von meinem Smartphone rüber und sortiere auch da noch einmal gründlich aus. „Marie Kondo für die digitale Welt“ – Du kannst dich beim Aussortieren fragen: 1. Spricht mich das Bild emotional an? 2. Bringt es mich vielleicht zum Lachen oder Weinen? 3. Würde ich mir dieses Bild ausdrucken und im Wohnzimmer aufhängen?

Ich fahre bewusst nicht zu einem Spot, der gerade auf Social Media gehypt wird. Mein Tipp: Schau dich auf Google Maps um, was sich in deiner Umgebung befindet. „Laufe“ mit Street View durch die Region. Entscheide dich dann für einen Ort, den man vielleicht so noch nicht kennt, der aber genauso schön sein kann.


Wie kann ich mich in den Moment denken und genau zur richtigen Zeit auf den Auslöser drücken, statt wahllos Bilder zu schießen?

Als ich 2017 in Bangkok auf einer Bank vor dem Tempel saß, war ich stiller Beobachter, als ein Mann regelrecht angerannt kam, sein Handy hochhielt und die Buddha-Statue in dem Raum fotografierte. Er sah nicht mal richtig hin, sondern drückte nur den Auslöser auf seinem Smartphone und ging so schnell wie er gekommen war – nach dem Motto „Been there, done that“.

Ich plädiere dafür, sich zuerst einmal Zeit zu nehmen, um in den Ort einzutauchen. Sieh dich um nach Strukturen, Linien und Konturen. Wie steht das Licht? Gibt es irgendwo Schatten, die du nutzen kannst? Welche Farben umgeben dich? Sind Menschen wichtig, um deinem Bild mehr Ausdruck zu verleihen? Solltest du das aus einem anderen Winkel schießen, um dem mehr Aussagekraft zu geben?

Ein Beispiel für achtsames Fotografieren: „Ich stehe vor einer saftigen Wiese mit Kühen, die grasen. Im Hintergrund leuchtet die Sonne orangerot und ich blicke auf den glitzernden See. Schon eine (fast) perfekte Szenerie. Aber plötzlich hebt eine Kuh ihren Kopf und beobachtet mich. Das ist der perfekte Moment für den Auslöser.“

Wie verbraucht man möglichst wenig Ressourcen und schont so die Umwelt?

In Bezug auf die Technik: Überlege, ob du das neue Objektiv wirklich brauchst. Ich selbst habe jetzt über ein Jahr gegrübelt, ob ich mir das 24-70mm wirklich zulegen soll. Seit einem Monat besitze ich es und nutze es wirklich regelmäßig, denn es erleichtert meinen Alltag als Fotografin. Vielleicht kannst du dir erst einmal ein Objektiv leihen oder ausprobieren, bevor du es dir kaufst.

Ich nutze meine Geräte einfach so lange, bis sie nicht mehr funktionieren. Meinen Laptop habe ich gebraucht gekauft, ebenso mein Smartphone. Mein iMac ist jetzt über sechs Jahre alt und meine Kameras nutze ich seit 2018. Ich muss also nicht immer das Neueste haben. Für meinen Blitz und meine Kameras nutze ich wiederaufladbare Akkus.

Ideen für den Online-Bereich: Meine Bilder bearbeite ich in einem hellen, klaren, natürlichen und zeitlosen Look. Das macht sie haltbarer und langlebiger. Schon heute sind die Trendfarben ausgelutscht und landen quasi übermorgen auf dem Müll. Deshalb finde ich, sollte man einem Trend gar nicht erst folgen. So war ich noch nie, weder beim Fotografieren noch in anderen Dingen.

Ich poste Bilder auch gern doppelt. Denn Menschen sehen nicht immer alles, was hochgeladen wurde, dank des Algorithmus. Ein Bild auf Instagram hat eine Halbwertszeit von unter einer Stunde. Ich lösche alte Fotos aus der Timeline und gebe damit wieder Speicherplatz frei. Ein Tipp: Bevor du postest, verkleinere deine Fotos. Ich speichere aus Lightroom meine Bilder mit einer langen Kante von 1024 px und 72 dpi ab. Das reicht für die Internetnutzung völlig aus.

Zu meinem Lifestyle: 2020 habe ich all meine Kundentermine mit Bus und Bahn erreicht. Wenn möglich, mache ich das auch heute noch. In der Stadt bin ich mit dem Fahrrad zum Auftrag gefahren. Für zuhause beziehe ich Ökostrom aus der Region. Vor kurzem bin ich zu einer grünen Bank gewechselt – privat und geschäftlich.