• Michaela Hocek

Multifunktionelle Fair Fashion Accessoires - Interview Sissi Vogler

2012 nahm sich die gebürtige Salzburgerin Sissi Vogler eine berufliche Auszeit und ging auf Reisen durch Südostasien. Ständiger Begleiter auf ihrer Reise waren die farbenfrohen Fischfutter- und Zementsäcke. Heute bewirkt die Refished-Gründerin mit ihren vielfältigen Kollektionen positive Veränderungen, u. a. in Kambodscha und Vietnam


Refished feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Wie ist es zur Geschäftsidee gekommen?


Die zündende Idee kam mir auf Reisen: Die in Ostasien omnipräsenten Fischfutter- und Zementsäcke waren einfach zu schön, um entsorgt zu werden. Also fasste ich kurzerhand den Entschluss, aus dem widerstandsfähigen ­Material Taschen und weitere Accessoires zu fertigen. Zurück in Österreich machte ich mich an die Arbeit und entwickelte die ersten Upcycling-Kollektionen „Cement“ und „Fish“, die 2013 lanciert wurden. Mittlerweile sind die Flags-Kollektion aus gebrauchtem Fahnenmaterial und eine Schuh-Kollektion mit stylischen Espadrilles aus Baumwollresten hinzugekommen. Ich wollte von Anfang an alles „richtig“ machen. Niemand – weder Mensch noch Tier oder Natur soll zu Schaden kommen. Ganz im Gegenteil, ich möchte Positives bewirken!


„Wir schätzen, dass wir bereits 8.000 bis 10.000 PVC-Säcken ein zweites Leben schenken konnten.”

Was bedeutet Fair Fashion für dich?


Ein Fair Fashion Label, ist eine Marke, die gänzlich auf ethische und moralische Grundsätze und Werte aufbaut. Zentral ist, dass kein Mensch im gesamten Produktionszyklus zu Schaden kommen darf. Ebenso wichtig ist, dass die Natur respektvoll behandelt wird und beispielsweise der CO₂-Ausstoß möglichst gering gehalten wird. Die Ausbeutung in der Textilindustrie kam erst in den 1970er-Jahren gemeinsam mit der Globalisierung auf, das muss man sich einmal vorstellen. Refished sowie viele andere kleine Labels wurden bereits mit dem Grundanspruch gegründet, als bewusst und verantwortlich handelnde Unternehmen zu agieren und mit der Vision, dass es eines Tages wieder normal ist, dass niemand bei der Produktion von Handelsgütern geschädigt wird. Ich sehe Fair Fashion als eine Bewegung in die richtige, schon lange notwendige, Richtung.

 

Wie werden die Materialien für das Upcycling bearbeitet und woher kommen sie?


Die Fischfutter und Zementsäcke werden in Kambodscha und Vietnam von Einheimischen eingesammelt, sortiert und weiterverkauft. In unserer sozialen Werkstätte in Kambodscha, wo wir unsere Fish- und Cement-Kollektion herstellen, werden die Säcke zunächst mit Wasser gut gewaschen, dann zum Trocknen aufgehängt und hinterher zugeschnitten.


Die Fahnen für das Flags-Sortiment kommen alle drei Monate (zum Beispiel vom Museum Kunstforum in Wien). Sobald eine neue Ausstellung beginnt, werden sie ausgetauscht und dann zu uns gebracht. Wir waschen sie und verarbeiten sie in einer Wiener Nähwerkstätte weiter. Wir produzieren immer dort, wo das Basismaterial „weggeworfen“ worden wäre.

 

Wie multifunktionell sind die Accessoires? Wie haben sich die Designs im Laufe der Zeit verändert?


Unsere Produkte sind sehr durchdacht und haben kleine nette Details. Zum Beispiel haben wir zu unserer Bestsellertasche Soulmate eine Bag-in-Bag (Ladyboy) entworfen, die man an der großen Tasche anhängen kann. Wenn man am Strand in ein Kaffee gehen will, kann man die Soulmate beim Schirm lassen und nur die kleine Tasche mitnehmen. Auch zum Ausgehen, eignet sich die Ladyboy perfekt.


Ein anderes Beispiel: Unsere Lady-Geldtasche hat ein kleines Extra-Fach ganz vorne innen, für die meistverwendete Karte.


Wir entwickeln unsere Produkte laufend weiter. Bei einigen Produkten gibt es jetzt auch limitierte Special Editions mit coolen Stoffen als Innenfutter. Nachdem wir Altmaterial und Reste verwenden, dürfen wir stets erfinderisch und flexibel sein. Manchmal gibt es eine bestimmte Sack-Farbe einfach nicht mehr… dann suchen wir eine schöne Alternative und freuen uns sehr, wenn wir was Tolles finden.

 

Gibt es für das Team außer sicheren Arbeitsplätzen weitere Vorteile?


Unser treuer Partner in Kambodscha ist eine Werkstätte, die ausschließlich Menschen mit – zumeist durch Landminen verursachten – körperlichen Behinderungen beschäftigt. Diese Gruppe von Menschen hat es in ihrer Heimat besonders schwer, gute und faire Arbeit zu finden. Bei uns lernen sie das Handwerk, werden fair bezahlt, haben geregelte Arbeitszeiten und ein liebevolles, verständnisvolles Umfeld.

 

Gibt es ungefähre Zahlen, wie viel an „Abfallmaterial“ durch Refished nicht entsorgt wurde?


Wir schätzen, dass wir bereits 8.000 bis 10.000 PVC-Säcken ein zweites Leben schenken konnten.

 

Welche sind die Topseller von Refished?


Unser Modell Soulmate, das als Shopper oder Badetasche empfehlenswert ist, ist sehr beliebt. Weiters hoch im Kurs stehen unsere Rucksäcke, Necessaires und die Sporty Bag im XL-Format, die auch als Weekender zum Einsatz kommen kann.



Sind in nächster Zeit weitere Kollektionsergänzungen zu Cement, Fish, Flags und den Schuhen geplant?


Wir sind gerade dabei eine Kollektion aus alten Werbeplanen (sie wird Planen heißen) zu entwickeln und zu launchen. In diesem Segment sind wir bereits im B2B-Bereich sehr aktiv. Für das Unternehmen Schärdinger haben wir beispielsweise ein 1.000 Quadratmeter großes Werbeplakat zu 1.500 Upcycling-Taschen verarbeitet und für den Schokoproduzenten Milka haben wir Werbebanden und Eventzelte vom Skiweltcup zu 250 Tote Bags und 350 Bauchtauschen verarbeitet. Alles natürlich „Made in Vienna“.

 

Seit 2012 stellt Sissi Vogler mit ihrer Fair Fashion Brand Refished unter Beweis, was aus scheinbar nicht mehr benötigten Materialien entstehen kann. Neben dem Upcycling ist es der Unternehmerin ganz wichtig, lokal zu produzieren und Menschen aus sozial prekären Verhältnissen faire Arbeitsbedingungen zu bieten. Außerdem immer mit im Business dabei: Ihre Mutter und Designerin Isolde sowie die zweijährige Tochter Felicitas. www.refished.com