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Kamillenernte bei Silvestris: Ein Blick hinter die Kulissen

Autorenbild: Michaela Hocek
Michaela Hocek
vor 11 Minuten
6 Min. Lesezeit

Ein Blick hinter die Kulissen, den man nur selten zu sehen bekommt: Wir waren zu Besuch im ungarischen Szarvasgede nahe Budapest, wo ein Bio-zertifiziertes Unternehmen für Lush Kamille der höchsten Qualität anbaut und zu blauem Kamillenöl weiterverarbeitet.


Das perfekte Timing ist das Um und Auf bei der Kamillenernte. Der richtige Zeitpunkt entscheidet sich zwei Wochen vor der Erntezeit. Sie ist dann gekommen, wenn die Blüten horizontal stehen. So war auch die Bestimmung des Termins meiner Reise zeitnah und die Freude umso größer, als er sich mit dem Redaktionskalender vereinbaren ließ. Denn angesichts der Pracht des weitreichenden, rund 40 Hektar großen Feldes, dessen betörender Duft schon von weitem durch das Autofenster hereinströmte, wollten alle Teilnehmenden es kaum glauben, dass schon eine Stunde nach unserem Besuch die Pflanzen geschnitten werden und das Meer aus weißen Blüten verschwunden sein würde. Aber wie lautet eine zeitlose Erkenntnis so treffend? „Schönheit ist vergänglich.“ Oder um mit den Worten von Johann Wolfgang von Goethe zu sprechen: „Alles ist in Bewegung, alles fliegt, alles vergeht, aber es bleibt doch alles.“ Im Falle der Kamille bedeutet das: Einmal pro Jahr wird je nach Wettereinflüssen und Wachstum etwa Anfang Mai geerntet, vom Feld direkt in die Produktion gefahren, wo die frischen Blütenköpfchen der Matricaria chamomilla (auch bekannt als Echte Kamille oder Matricaria recutita) in Stahlcontainer gefüllt werden, bis sie bereit sind, mit Wasserdampf destilliert zu werden und im Oktober wird wieder neu gepflanzt.

Das alles hätte ich – und natürlich auch Sie – nie erfahren, wenn ich nicht auf einem ungarischen Kamillenfeld die Gelegenheit gehabt hätte, ein Interview mit Csaba Jenei von Silvestris & Szilas Ltd. zu führen. Einem ungarischen Unternehmen, das Zirkularität in der Bereitstellung von Naturrohstoffen höchster Qualität für Kosmetik- und Pharmaunternehmen vorantreibt. Es wurde 1991 gegründet und ist eine der größten Destillerien für ätherische Öle innerhalb der EU.



Ebenfalls beeindruckend: Hier finden rund 90 Prozent der weltweiten Produktion von blauem Kamillenöl statt. Die Partnerschaft mit Lush besteht seit 2003 und gipfelt in einer Reihe von Produkten mit pflegender Wirkung. Denn das kostbare Öl besitzt gesundheitsfördernde Eigenschaften. Man geht davon aus, dass Kamillenöl beim Einatmen einen erholsamen Schlaf fördert. Außerdem reinigt es sanft und beruhigt die Haut und die Kopfhaut. Aufgrund der desinfizierenden Eigenschaften wird eine positive Auswirkung auf die Wund- und Narbenheilung sowie die Linderung von Hautproblemen wie Ekzemen sowie schuppigen und verhornten Stellen angenommen.


Bild: CDA Verlag GmbH
Bild: CDA Verlag GmbH

Im Gespräch mit Csaba Jenei


„Der Anbau von echter Kamille hat in Ungarn eine lange Tradition, die hier erreichte Qualität ist seit den 1940er-Jahren weltberühmt. Doch hier bei Silvestris steht die Zeit nicht still. Wir erreichen medizinisches Niveau. Der wissenschaftliche Hintergrund und die laufende Weiterentwicklung regenerativer Techniken ist uns wichtig – von der Samenentwicklung bis zum fertigen Produkt. Diese Philosophie harmoniert gut mit den Vorstellungen und Richtlinien von Lush. Beide Unternehmen haben strikte Visionen.“, erzählt Csaba Jenei, während er die Pflanze zwischen den Fingern reibt, um den Duft der ätherischen Öle noch besser zu entfalten, bevor er fortsetzt: „Das kostbare Öl stammt aus rund einem Prozent der Pflanze, aber wir legen Wert darauf, alle Teile zu verwenden. So treten z. B. in einer zweiten Extraktion andere Verbindungen in den Vordergrund, die für Tinkturen, alkoholische Pharmaprodukte etc. nützlich sind.“ Spannend auch einige nachhaltige Keyfacts: Die Hitze für die Dampfdestillation wird mit Biomasse erzeugt, das Wasser wird recycelt, es gibt eine Wasseraufbereitungsanlage auf dem Dach. „Wir achten auf Zirkularität, die Natur kennt keinen Müll. Unsere Dampfproduktion ist vom Keller bis zum Dach CO₂-neutral.“, fasst Jenei zusammen. Nach dem Interview machten wir uns zur Besichtigung des Firmenstandorts auf und waren beeindruckt von den 25-Kubikmeter fassenden Containern, die allesamt im Freien stehen. Wir durften auch live dabei sein, als das blaue Kamillenöl abgezapft wurde. Da das Wasser und Öl sich nicht mischen, ist der kostbare Rohstoff relativ rasch abgefüllt.


Beruhigend und pflegend: Die selbstkonservierende „Dream Cream“ hilft bei Trockenheit und schuppiger Haut, auch bei Kindern. Bei Kopfhautproblemen ist der „Superbalm“ mit Kamille, Candelillawachs, Kokosnuss- und Lavendelöl ideal.


Bei einem Outdoor-Workshop unter Anwesenheit eines Mitarbeiter-Duos des kroatischen Lush-Kooperationspartners gab es die Möglichkeit, Dream Cream selbst herzustellen. Bild: Lush
Bei einem Outdoor-Workshop unter Anwesenheit eines Mitarbeiter-Duos des kroatischen Lush-Kooperationspartners gab es die Möglichkeit, Dream Cream selbst herzustellen. Bild: Lush

Die Kamille und Lush


Bei strahlendem Sonnenschein inspizierten wir danach den Silvestris-Kräutergarten und nahmen Platz, um in einem Outdoor-Workshop beim Live-Anrühren der „Dream Cream“ mit Hafermilch, Rose, Lavendel, Tagetes, Olive, fair gehandelter Kakaobutter und natürlich Kamille selbst aktiv zu werden. Bekanntschaft machten wir auch mit Lush-Parfümeurin Emma Vincent, die seit 27 Jahren – „seit meiner Schulzeit“ – viele Stationen im Unternehmen durchlaufen hat. 2015 begann sie Parfüms zu kreieren. Darunter „Hungarian Fronds“, einen Unisex-Duft mit den Hauptkomponenten Kamille und Fenchel, den sie „wie Medizin in der Flasche“ definiert.


Eau de Parfum: Der Unisex-Duft „Hungarian Fronds“ besteht aus einem Bouquet von blauer Kamille, Fenchel und Oregano. Bild: Lush
Eau de Parfum: Der Unisex-Duft „Hungarian Fronds“ besteht aus einem Bouquet von blauer Kamille, Fenchel und Oregano. Bild: Lush

Im Gespräch mit Anya Dale


Ebenfalls extra angereist aus England war Sustainable Sourcing Specialist Anya Dale, die uns für ein Interview rund um Firmenwerte und die Rolle einer ethischen Einkäuferin zur Verfügung stand. „Unsere Firmenwerte setzen sich einerseits aus gesetzlichen und ethischen Standards zusammen. Dazu zählen z. B. der Verzicht auf Tierversuche, Kampagnen gegen Tierversuche, Reduktion von Pestiziden. Wir sind ständig dabei, uns gemeinsam mit unseren Lieferant:innen zu verbessern.“ Der Mensch steht im Zentrum. „Wir haben so viele Mitarbeiter:innen und Kooperationspartner:innen. Vertrautheit ist uns dennoch wichtig – und der Sinn für Spaß. Wir sehen unsere Rolle nicht nur als Einkäufer, sondern bauen langfristige Beziehungen mit Produzent:innen auf. Ein strenger moralischer Kompass weist uns den Weg. Es ist ok, Fehler zu machen, aber es ist wichtig, daraus zu lernen. Dazu pflegen wir auch unsere Beziehungen zu unseren Kund:innen. Wir machen Trainings für die Shopbetreiber:innen und jeder von uns steht selbst einen Tag pro Jahr zum Arbeiten in einem Shop. Ich bin auch jede Woche in der Produktion zu finden. Wir investieren in Partnerschaften und wachsen gemeinsam.“, erzählt Dale aus dem Alltag. Das sei notwendig, um den Kontakt zur Basis, zu den Rohstoffen und den Produkten nicht zu verlieren: „Es ist wie der transparente Kleber, der alles zusammenhält.“


Auf dem Firmengelände von Silvestris, einem Spezialisten für die Verarbeitung und Extraktion von Bio-Heilkräutern und aromatischen Pflanzen durften wir beim Abfüllen des Kamillenöls live dabei sein. silvestris.hu Bild: Lush
Auf dem Firmengelände von Silvestris, einem Spezialisten für die Verarbeitung und Extraktion von Bio-Heilkräutern und aromatischen Pflanzen durften wir beim Abfüllen des Kamillenöls live dabei sein. silvestris.hu Bild: Lush
Blaues Kamillenöl: Die tiefblaue Farbe entspringt einer natürlichen Reaktion während der Destillation. Bild: Lush
Blaues Kamillenöl: Die tiefblaue Farbe entspringt einer natürlichen Reaktion während der Destillation. Bild: Lush

Wie findet sie vertrauenswürdige und verlässliche Produzent:innen?


„Manchmal besuchen wir Messen und Konferenzen. Das ist wichtig, um auf dem Laufenden zu bleiben, was anderswo passiert. Wir beobachten aber auch potentielle Partner:innen, andere kommen von sich aus auf uns zu oder werden uns empfohlen.“


Langfristige Kooperationen, transparente Partnerschaften, gegenseitige Wertschätzung, laufende Trainings, hohe Qualitäts- und Kontrolllevel: Anya Dale, Ethical Buyer und Sustainable Sourcing Specialist, und Emma Vincent, Lush Parfümeurin, erklärten die Unternehmenswerte vor Ort. Bild: Lush
Langfristige Kooperationen, transparente Partnerschaften, gegenseitige Wertschätzung, laufende Trainings, hohe Qualitäts- und Kontrolllevel: Anya Dale, Ethical Buyer und Sustainable Sourcing Specialist, und Emma Vincent, Lush Parfümeurin, erklärten die Unternehmenswerte vor Ort. Bild: Lush

Welche Mengen müssen in garantierter Qualität bereitgestellt werden?


„Alle möglichen Mengen. Wir müssen auch immer damit rechnen, dass es zu Ernteausfällen kommt und Ersatz parat haben. Dabei kommt es durchaus zu Herausforderungen – wie z. B. andere Eigenschaften von blauem Kamillenöl in verschiedenen Anbauländern. Jeder Rohstoff durchläuft vorab interne Checks. Stabilität und Wirksamkeit haben oberste Priorität. Das Risiko von Verunreinigungen ist sonst zu hoch. Noch dazu, wo wir auf minimale Verpackungen und unverpackte Produkte setzen. Lush ist dafür bekannt, skandalfrei zu sein.“


Exklusive Teilnahme: Ein großes Dankeschön an Maria Ledermüller-Seguin und Clara Lachmann von Lush Austria, dass „Nachhaltig leben“ als einziges deutschsprachiges Printmedium Teil dieser Gruppenreise sein durfte, die perfekte Organisation und die Möglichkeit zu fundierten Gesprächen mit internationalen Kosmetik- und Parfüm-Koryphäen. Bild: Lush
Exklusive Teilnahme: Ein großes Dankeschön an Maria Ledermüller-Seguin und Clara Lachmann von Lush Austria, dass „Nachhaltig leben“ als einziges deutschsprachiges Printmedium Teil dieser Gruppenreise sein durfte, die perfekte Organisation und die Möglichkeit zu fundierten Gesprächen mit internationalen Kosmetik- und Parfüm-Koryphäen. Bild: Lush

Welche Rohstoffe werden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bezogen?


Aus Deutschland beziehen wir beispielsweise Bio-Soja, Österreich ist für uns der größte Zitronensäure-Lieferant und in der Schweiz findet sich unsere größte Kakaobutter-Produktion mit Bio-Rohstoffen aus Sierra Leone, Peru und Kolumbien. Sie alle sind Fair-Trade-zertifiziert und ich habe sie persönlich besucht.“

Fine Dining

Farm-to-table-Restaurant mit modernem Twist


Kleiner Sidestep für einen Restauranttipp: Im Tati haben wir ein veganes Tasting-Menü genossen, u. a. mit Wildpilzen, Apfelsalat und Trüffelöl zur Vorspeise. Dry-aged-Kohlrabi mit Fenchel und Karotten als einem der Hauptgänge und Karottenkuchen zum Dessert. Was einfach klingt, ist eine Geschmacksexplosion und Freude fürs Auge. Die Produkte kommen vom eigenen Bauernhof bzw. von ausgewählten Produzent:innen. Serviert werden biologische und biodynamische Weine sowie Signaturecocktails mit Gemüsekomponenten. Teil des Konzepts ist es auch, per App einen Baum zu pflanzen.


Tati

Dohány u. 58-62

HU-1074 Budapest




 
 
 

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