• Michaela Hocek

Geldanlage als Beitrag für eine bessere Welt: Interview mit Karin Nemec

Impact-orientiertes Investieren vereint Wirkung und Rendite. Grünfin ermöglicht es basierend auf persönlichen Werten und Wirkungszielen, individuellem Risikoprofil und gewünschten Zeithorizont nachhaltige Anlageentscheidungen zu treffen. Derart eingesetztes Kapital führt immer öfter auch zu Veränderungen in den Unternehmen.


Grünfin wurde von Karin Nemec (CEO) und Triin Hertmann (COO) gegründet. Das deutsch-estnische Fintech startete seine Plattform für nachhaltige und wertebasierte Geldanlage in Deutschland Mitte März. Nemec arbeitete mehr als zehn Jahre bei der Swedbank (Direktorin Corporate Products), hat einen Global Executive MBA-Abschluss der IESE Business School und ist eine von der Frankfurt School of Finance and Management zertifizierte Expertin für nachhaltige Finanzen. Hertmann verfügt über mehr als 20 Jahre internationale Finanz- und Technologieerfahrung und war u.a. bei Skype und Wise tätig. || www.grunfin.com



Wie ist die Idee für Grünfin entstanden?


Vielen Menschen ist klar, dass ihr CO2-Fußabdruck davon abhängt, was sie essen, wie oft sie fliegen und welche Konsumentscheidungen sie treffen. Der größte blinde Fleck sind jedoch unsere Finanzen. Kaum jemand weiß, welch großen Einfluss Anlageentscheidungen auf den persönlichen Impact und die Welt haben. Grünfin entstand aus der Erkenntnis, dass es ohne Expertenwissen nur sehr schwer ist, ein nachhaltiges, auf den persönlichen Werten der Anlegerin oder des Anlegers basierendes Wertpapierportfolio aufzubauen, das darüber hinaus tatsächlich eine positive Wirkung auf den Planeten und uns Menschen hat. Wir machten uns also daran, eine Plattform zu bauen, die es Menschen so einfach wie möglich macht, mit ihrer Geldanlage einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten und diesen Beitrag möglichst greifbar zu machen. Ich hoffe, dass wir dazu beitragen können, dass bewusstes Investieren auf der Grundlage von Werten und Wirkung irgendwann die übliche Praxis wird.

 

Welche nachhaltigen Anlageoptionen sind vielversprechend?


Das Gute an Impact-orientierter Geldanlage ist, dass es nicht um Wirkung oder Rendite geht: Beides geht durchaus zusammen. Das belegen zahlreiche Analysen. Sie zeigen, dass ­nachhaltige Fonds historisch eine bessere Performance aufweisen als herkömmliche Aktienfonds. Eine MorningStar-Analyse zeigt, dass die Mehrheit der nachhaltigen Fonds, die bereits vor zehn Jahren und auch heute noch existieren, besser abgeschnitten haben als der Durchschnitt der überlebenden traditionellen ­Konkurrenzprodukte. Eine andere zeigt, dass 24 von 26 Indexfonds mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und soziale Aspekte im ersten Quartal 2020 auch während der Corona-Pandemie besser abgeschnitten haben als ihre konventionellen Pendants. Nachhaltige Investments sind also absolut sinnvoll.


Dazu kommt, dass das eingesetzte Kapital auch zu Veränderungen in den Unternehmen beitragen kann, nämlich dann, wenn die Anleger ihre Stimmrechte im Sinne nachhaltiger Unternehmensentscheidungen ausüben. Seit vergangenem Jahr gibt es eine EU-Regulierung, die Vermögensverwalter dazu verpflichtet anzugeben, ob sie Nachhaltigkeitsaspekte in der Aktienauswahl nur berücksichtigen, oder ob sie ihr Stimmrecht auch aktiv zur Beeinflussung der Unternehmen einsetzen.


Es macht also für nachhaltigkeitsbewusste Anleger einen großen Unterschied, ob auf einem Aktienfond nur das Label „nachhaltig“ klebt, oder ob das eingesetzte Kapital auch echte Verbesserungen bei den Unternehmen bewirkt. Bei Grünfin ist das ein wichtiges Auswahlkriterium für die Portfolios unserer Kunden.

 

Ist „grünes Investieren“ ein weibliches Thema?


Das ist aus unserer Sicht kein rein weibliches ­Thema – auch Männer dürfen, können und sollten natürlich ihr Geld für nachhaltige Zwecke einsetzen. Es ist aber richtig, dass Frauen oft längerfristiger investieren als Männer und häufiger großen Wert auf nachhaltige und ethische Geldanlagen legen, mit denen sie positive Veränderungen in der Welt bewirken können.

Nicht außer Acht lassen sollte man – insbesondere in Deutschland – den Gender Pay Gap und damit einhergehend auch die Gender Pension Gap, also die Einkommens- und Rentenlücke der Frauen im Vergleich zu Männern. Mit Grünfin erhalten daher insbesondere Frauen die Möglichkeit, diese Lücken durch den Einstieg in nachhaltige Geldanlagen zu schließen. Die Plattform steht aber allen offen, denen nachhaltiges Investieren mit Impact am Herzen liegt.

 

Wie sind nachhaltige Investitionen im Schatten des Ukraine-Kriegs und unruhigen Märkten zu beurteilen? Was würden Sie raten?


Es ist schwer abzusehen, welche Folgen der Krieg in den kommenden Wochen und Monaten für unser Leben oder die Welt haben wird. Die kurzfristigen Auswirkungen sind bereits in Form von erhöhter Marktvolatilität zu spüren und dies dürfte sich so schnell auch nicht ändern.

Langfristig rechnen wir mit einem Szenario, in dem sich Europa im Laufe in erheblichem Maß von fossilen Brennstoffen verabschiedet und auf erneuerbare Energien wie Sonnen- und Windenergie sowie Wasserkraft setzt. Wir erwarten, dass Gelder aus Schwellenländern zurück in nachhaltige Unternehmen fließen werden, die diese Transformation möglich machen. Viele Unternehmen haben ihre Aktivitäten in Russland bereits eingestellt. Gleiches gilt für Investoren.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist aber eins: Kriege und politische Konflikte lenken den Blick auf das Kurzfristige. Für den nachhaltigen Investor ist es aber ganz wichtig, die langfristige Perspektive im Auge zu behalten und Investitionsentscheidungen auf der Grundlage der Zukunft zu treffen, die wir uns alle für unseren Planeten wünschen.

 

Welche Vorteile bietet Grünfin im Hinblick auf Nebenkosten?


Verbraucher können bei Grünfin ein Portfolio ohne Mindestbetrag erstellen. Zudem sind Portfolios bis zu einem Wert von 1.000 Euro kostenlos. Dadurch möchten wir den Einstieg in nachhaltiges Investieren erleichtern, denn man kann sich zunächst herantasten und mit dem Produkt vertraut machen. Ab 1.000 Euro erheben wir eine monatliche Pauschale von 3,90 Euro. Das war’s schon an laufenden Kosten. Wenn das Anlageportfolio am Ende der Laufzeit mehr Gewinn macht, als zu Beginn vorausberechnet, erheben wir für diese Mehrleistung ein Erfolgshonorar. Das aber nur für den Anteil, der das Ertragsziel übersteigt.

 

Wie funktioniert es im Detail, sein individuelles Portfolio zusammenzustellen und zu verwalten?


Über unsere Internetseite ­­www.grunfin.com/­de können sich Interessenten registrieren und authentifizieren. Zuvor werden sie durch einen Fragebogen geleitet und können ihr individuelles Portfolio, basierend auf persönliche Werten und Wirkungszielen, ihrem Risikoprofil und dem gewünschten Zeithorizont, zusammenstellen lassen. Einmal erstellt, lässt sich das eigene Portfolio dann ebenso bequem über unsere Online-Plattform verwalten und zum Beispiel die Höhe der monatlichen Einzahlungen flexibel anpassen.