top of page

Alleine reisen: Vorteile, Tipps und Inspiration für Solo-Trips

  • Autorenbild: Michaela Hocek
    Michaela Hocek
  • vor 1 Stunde
  • 7 Min. Lesezeit

Zunehmend mehr Menschen finden Gefallen daran, sich solo auf die Reise zu machen. Den Koffer nur für sich selbst zu packen, sich nach niemandem richten zu müssen, im eigenen Tempo unterwegs zu sein, zu essen, wann man Hunger hat, auf keine Befindlichkeiten Mitreisender Rücksicht nehmen zu müssen … Seien Sie ehrlich, haben Sie sich das nicht schon öfters gewünscht? Sicher, man kann sich nur auf sich selbst verlassen, checkt alles alleine, ist mehr gefordert, kann dafür ohne Rücksprache spontan die Route ändern, ist offener im Gespräch mit unbekannten Menschen und hat bei der Ankunft zuhause einiges zu erzählen. All das reizt laut einer YouGov-Umfrage drei von vier Menschen zwischen 15 und 30 Jahren – selbst, wenn sie in einer Beziehung leben. Ein weiteres interessantes Ergebnis: Ein Viertel der Frauen, die es gewagt haben, gaben an, dass sie durch Solo-Reisen selbstbewusster wurden. Wir haben eine, auf die das ebenfalls zutrifft, zum Interview gebeten: Leoni Kolberg. Möglicherweise ist sie einigen von Ihnen schon als Cyclonautin auf Social Media, in den Medien oder der App „Polarsteps“ untergekommen. Denn sie ist in zweieinhalb Jahren mit dem Fahrrad von Deutschland durch Länder wie den Iran, Pakistan oder Indien bis nach Nepal gefahren – ohne davor jemals Europa verlassen zu haben. Danach begab sie sich auf eine fast einjährige Tour quer durch Südamerika und übernachtete zu 95 Prozent allein in ihrem Zelt mitten in der Natur. Bei unserem schriftlichen Interview war sie in Marokko unterwegs und auf dem Sprung zum einwöchigen „Atlas Mountain Race“, das in Marrakesch startet und nach 1.300 Kilometern und rund 20.000 Höhenmetern in Essaouira endet.


Bild: Leoni Kolberg
Bild: Leoni Kolberg

Einfach losradeln und als weltenbummelnde „Cyclonautin“ Jahre unterwegs verbringen. War das dein Traum?


In meinen kühnsten Träumen hatte ich mir das tatsächlich ungefähr so vorgestellt. Oder sagen wir: Ich hatte die Weichen so gestellt, dass es so weit und so lange gehen könnte. Ich hatte mich bewusst entschieden, meinen Job zu kündigen statt nur ein Sabbatical einzulegen. Ich habe meine WG aufgelöst, anstatt sie zwischenzuvermieten. Und ich habe meine Auslandskrankenversicherung für fünf Jahre abgeschlossen.


Bild: Leoni Kolberg
Bild: Leoni Kolberg

Also ja – dieser Traum war irgendwo schon da. Gleichzeitig liebte ich mein Leben zuhause in Hannover. Die Menschen, mit denen ich mich so geborgen fühle, die Möglichkeit, all meinen Hobbies nachzugehen, und die Sicherheit zu wissen, dass monatlich mein Gehalt reinkommt, ich ein Dach über dem Kopf habe und alles seiner geregelten Wege geht. Oben drauf war mir aber auch bewusst, dass ich dazu neige, Dinge zu romantisieren. Und ein Leben auf dem Bike hat definitiv enormes Romantisierungspotenzial. Ich bin dann aber doch sehr froh, dass ich den Ängsten einfach kaum Beachtung geschenkt habe, denn „here we are“: vier Jahre später. Gefüllt und erfüllt von Erfahrungen, die ich mir niemals hätte ausmalen können.


Bild: Leoni Kolberg
Bild: Leoni Kolberg

Wie fühlt es sich heute an?


Heute fühlt sich dieses Leben ganz normal an. Das Schlafen im Zelt. Das Aufwachen mit dem Sonnenaufgang. Die tägliche, stundenlange Bewegung. Das minimale Gepäck. Die Ungewissheit, wann die nächste Dusche kommt. Und die permanente Veränderung meines Umfelds.


Ist Angst bzw. Vorsicht ein guter Reisebegleiter?


Ja, ich glaube, die beiden können gute Reisebegleiter sein – solange sie nicht die Kontrolle übernehmen. Gesunde Vorsicht hilft mir, Situationen einzuschätzen, auf mein Bauchgefühl zu hören und rechtzeitig Grenzen zu setzen. Das ist gerade unterwegs unglaublich wichtig. Angst dagegen ist oft einfach die Reaktion auf das Unbekannte. Sie taucht besonders am Anfang auf – nicht, weil etwas falsch ist, sondern weil man Neuland betritt. Mit Erfahrung verändert sich das. Was früher Angst war, wird mit der Zeit zu Klarheit und Vertrauen. Viele Dinge, die mir früher Respekt gemacht haben – allein einen Schlafplatz zu finden, fremde Menschen um Hilfe zu bitten, sehr abgelegene Strecken zu fahren – sind heute Teil meines Alltags. Ich habe gelernt: Ich kann damit umgehen.


Bild: Leoni Kolberg
Bild: Leoni Kolberg

In welche Situationen würdest du dich nicht mehr begeben wollen?


Ich würde heute nicht mehr in Städten wild campen, nur um Geld zu sparen. In meinem ersten Jahr durch Europa habe ich kein einziges Mal in einer bezahlten Unterkunft geschlafen. Das Motto war: Entweder Zelten oder Menschen fragen, ob ich bei ihnen unterkommen kann. Das hat zu einigen sehr lustigen Geschichten, aber auch anstrengenden Nächten im Zelt geführt, weil mein Nervensystem damals noch ständig auf Alarmbereitschaft war – und manche Orte waren auch ehrlich gesagt ziemlich sketchy. Zum Beispiel habe ich in Athen drei Nächte wild geschlafen: in einer verlassenen Schwimmbadanlage, einem eingezäunten Basketballfeld und in einem Kräutergarten etwas außerhalb der Stadt. Diese direkte Konfrontation mit Herausforderungen hat mich definitiv viel gelehrt. Aber je länger ich unterwegs bin, desto klarer wird mir auch: Es ist völlig okay, mir zwischendurch mehr Komfort zu erlauben. In Hostels zu gehen. Mir eine Dusche und eine Waschmaschine zu gönnen.


Und dafür auch bewusst etwas mehr Geld auszugeben. Das fühlt sich auf lange Sicht nachhaltiger an und erlaubt mir auch, mich öfter wie ein „normaler“ Mensch zu fühlen. Außerdem liebe ich die Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Reisenden.


Was liebst du am alleine Reisen?


Dass ich maximale Quality-Time mit mir selbst verbringe. In den letzten Jahren habe ich unglaublich viel über mich gelernt. Wenn man allein unterwegs ist, muss man sich mit sich selbst auseinandersetzen. Man meistert Herausforderungen selbst, kann keine Verantwortung abgeben und muss nicht stark für andere sein, sondern für sich selbst. Man ist gleichzeitig die beste Freundin und die Türsteherin des eigenen Lebens.


Ich habe gelernt, was ich wirklich will – und Entscheidungen konsequent danach zu treffen. Ich musste für die seltsamsten Situationen Lösungen finden und mich über einige der höchsten Pässe der Welt motivieren. Mit der Zeit ist daraus ein tiefes Vertrauen entstanden: das Vertrauen, alles, was kommt, selbst meistern zu können. Ich weiß heute, dass ich allein glücklich sein kann.

Was ich aber vielleicht am meisten am Alleinreisen schätze, ist, dass ich die Gegenwart anderer Menschen viel bewusster erlebe. Gespräche werden tiefer, echter. Ich bin dankbar für Begegnungen mit Menschen, mit denen ich eine Ebene teile – ohne sie zu brauchen, um mich vollständig zu fühlen. Gleichzeitig habe ich gelernt, Stille wertzuschätzen und mich aus sozialen Räumen zurückzunehmen, wenn es reicht. Ich kann gut auf mich hören, meine Grenzen setzen und weiß: Verbindung ist wertvoll, aber Unabhängigkeit genauso.


Was würdest du jemandem raten, der sich das erste Mal allein aufmacht?


Jemandem, der zum ersten Mal allein reist, würde ich sagen: Hey, du hast den wichtigsten Schritt bereits getan – du bist losgegangen. Du hast dich deinen Sorgen und Ängsten gestellt, ohne dich von ihnen aufhalten zu lassen. Und das ist eigentlich das Schwierigste. Ab jetzt darfst du genießen. Nicht zu sehr am Plan festhalten. Und dich auf all die unplanbaren Dinge einlassen, die dir das Leben unterwegs in den Weg legt. Spiel mit ihnen, statt zu versuchen, ihnen auszuweichen oder dich über sie aufzuregen.


Was hast du auf den verschiedenen Kontinenten über nachhaltiges Reisen gelernt? Wie kann man sich deine Reiseplanung vorstellen?


Nachhaltiges Reisen ist überall das Gleiche. Es wechselt nicht von Kontinent zu Kontinent, und man kann auch nicht an Ort X nachhaltiger reisen als an Ort Y. Entscheidend ist nicht das Wo, sondern das Wie. Es ist das Reisen an sich, das den Unterschied macht: langsam, entschleunigt, bewusst, sich Zeit nehmen.


Ich glaube, wir hängen uns gerne an Dingen wie Müll in Ländern auf, die kein funktionierendes Entsorgungssystem haben – während wir selbst in neuen „fancy“ Outfits reisen, die wir für diesen Urlaub gekauft haben, obwohl unsere Kleiderschränke längst überquellen. Wir sehen oft nicht, was wir selbst an Müll und CO₂ produzieren. Kleine finale Side Note: Das Fahrrad ist ziemlich sicher eine der besten Lösungen, um so nachhaltig wie möglich möglichst viel zu erleben.


Was begeistert dich an der reiseapp Polarsteps?


An alle, die nicht wissen, was Polarsteps ist: Es ist eine App, die als digitales Reisetagebuch dient. Sie trackt deine zurückgelegte Strecke und visualisiert sie auf einer Weltkugel. Ich liebe es einfach, alle paar Tage – manchmal sogar täglich – kleine Einträge zu schreiben, sie mit Fotos zu hinterlegen und dann meine Reise auf der Karte zu sehen. Oft habe ich Menschen, die wissen wollten, wo ich mit meinem Rad entlanggedüst bin, einfach meine Route auf der Weltkarte gezeigt – und für erstaunte Gesichter gesorgt. Polarsteps ist außerdem ein super Netzwerk, um anderen Reisenden zu folgen und zu sehen, wo sie gerade sind. Kleine Story am Rande: Auf dem Flug nach Südamerika saß ich neben einem Typen, der sich in Santiago de Chile einen Van kaufen wollte, um alle Kite- und Paragliding-Spots Südamerikas abzufahren. Wir haben uns auf Polarsteps connected – falls er mich irgendwann mit dem Van irgendwo einholen würde.


Im Unterschied zu klassischen sozialen Medien setzt Polarsteps auf achtsames Reisen und persönlichen Austausch im kleinen, vertrauten Kreis. Die App funktioniert wie ein persönliches Reisetagebuch, an dem ausgewählte Menschen live teilhaben können. Bild: Polarsteps
Im Unterschied zu klassischen sozialen Medien setzt Polarsteps auf achtsames Reisen und persönlichen Austausch im kleinen, vertrauten Kreis. Die App funktioniert wie ein persönliches Reisetagebuch, an dem ausgewählte Menschen live teilhaben können. Bild: Polarsteps

Schreibst du deine Einträge für dich selbst oder die Community?


Ich schreibe, um zu reflektieren, Gedanken in Worte zu fassen und Erfahrungen zu verarbeiten. Am Anfang meiner Reise hatte ich noch keine Online-Community (und es auch nicht drauf abgesehen), trotzdem habe ich geschrieben – zuerst in ein Buch, später auf meinem Handy. Mittlerweile ist es eine Mischung aus beidem.


Einerseits schreibe ich, weil es mir guttut, andererseits, weil es schön ist zu wissen, dass Menschen resonieren oder Inspiration finden. Es motiviert mich, kleine Geschichten aufzuschreiben, weil ich weiß, dass sie da draußen geschätzt werden. Wahrscheinlich wäre ich ein bisschen fauler und würde mir weniger Zeit fürs Schreiben nehmen, gäbe es diese Leserschaft nicht. Aber selbst ohne Publikum würde ich schreiben – einfach, weil ich Freude daran habe. Irgendwie gefällt mir der Gedanke, regelmäßig Kapitel meines Lebens zu veröffentlichen: wie eine Art Kurzgeschichten-Biografie, die ständig wächst. Ein lebendiges Buch.


Instagram: Lazerleo_cyclonaut

Polarsteps: Lazerleo


Bild: Leoni Kolberg
Bild: Leoni Kolberg

App Polarsteps: Individuell und nachhaltig reisen


Mit der kostenlosen App Polarsteps, die 2015 in Amsterdam gegründet wurde, ist die Planung einer Reise ebenso einfach wie die Daheimgebliebenen in geschütztem Rahmen auf dem Laufenden zu halten oder sich in einer Community mit 19 Millionen User:innen weltweit zu vernetzen. Entstanden ist die Idee, als Mitgründer Niek Bokkers während eines Segeltörns nach einer Möglichkeit suchte, seine Route und Erlebnisse einfach zu teilen – und später lebendig in Erinnerung zu behalten. Die Planung erfolgt KI-unterstützt per smartem Assistent, der basierend auf Vorlieben oder früherer Trips maßgeschneiderte Routen vorschlägt oder aufgrund von Inspirationen privater wie professioneller Reiseenthusiast:innen wie z. B. Lonely-Planet-Autor:innen. Features wie integrierte Buchungsfunktion oder automatische Erstellung von Reise-Reels beleben das Reisen und mit wenigen Klicks kann aus den Einträgen ein Fotoalbum entstehen. Auch die Abstimmung mit Mitreisenden vereinfacht sich.


Abseits von Overtourism


Abenteuerliche Touren lassen nicht nur persönlich wachsen, vielmehr können Menschen durch bewusstes Reisen dazu beitragen, wertvolle Ökosysteme zu schützen und lokalen Gemeinschaften Einkommen zu ermöglichen. Polarsteps möchte Menschen ermutigen, langsam zu reisen und Orte abseits der Massen zu besuchen. „Wir finden es großartig, dass Reisende, die mit CO₂-armen Verkehrsmitteln unterwegs sind – wie Bikepacking und Bahnreisen – zunehmend Polarsteps nutzen, um ihre Trips zu dokumentieren. Wir möchten ihnen auf unserer Plattform einen prominenten Platz geben, um andere zu inspirieren“, sagt Polarsteps-CEO Clare Jones.



 
 
 

Kommentare


bottom of page