• Hartmut Schumacher

WAS BEDEUTET NACHHALTIGKEIT? - UND WARUM IST DIE GERADE JETZT SO WICHTIG?

„Kaufen Sie weniger, wählen Sie es sorgfältig aus, nutzen Sie es lange.“ Diese Weisheit der englischen Modedesignerin Vivienne Westwood beschreibt sehr gut, worum es bei Nachhaltigkeit geht.



Der Begriff Nachhaltigkeit hat eine bemerkenswerte Entwicklung erlebt: Im Jahr 2000 kannten ihn lediglich 13 Prozent der Deutschen. Im Jahr 2016 dagegen waren es bereits 88 Prozent.

Der Grund für diese Bekanntheit ist recht einfach: Nachhaltigkeit beschreibt ein Prinzip, das – verzeihen Sie die Dramatik – unseren Planeten retten kann.

Es gibt einige Definitionen von Nachhaltigkeit. Schön prägnant ist die des Dudens: „Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.“


Die deutsche Regierung hat die Nachhaltigkeit zum „Leitprinzip“ ihrer Politik erklärt, das „wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, ökologische Verantwortung und soziale Gerechtigkeit so miteinander verschränken [soll], dass die Realisierung des Einen nur unter Berücksichtigung der jeweils beiden anderen erfolgt“.

68% der Deutschen sind der Meinung: „Umwelt- und Klimaschutz sind eine sehr wichtige ­Herausforderung.“ (Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit /Umweltbundesamt)

Weiter wie bisher?

Wie sähe die Situation in einigen Jahren aus, wenn wir unser Verhalten und unsere Produktionsmethoden nicht nachhaltiger gestalten? Laut der Weltbank-Studie „What a Waste 2.0“ würden wir im Jahr 2050 3,4 Milliarden Tonnen Hausmüll pro Jahr erzeugen (gegenüber 2,01 Milliarden Tonnen im Jahr 2016). Nach Berechnungen des World Economic Forum würden sich in unseren Meeren im Jahr 2050 mehr Kunststoffabfälle als Fische befinden. Und laut den Zahlen der Studie „Statistical Review of World Energy 2020“ des Mineralölunternehmens BP würden unsere Rohöl- und Erdgasvorräte nur noch bis zum Jahr 2070 reichen.


Drei Strategien

Um Nachhaltigkeit voranzutreiben, gibt es drei Hauptstrategien: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz.

Mit Effizienz ist die ergiebigere Nutzung von Ressourcen gemeint, so dass der gleiche Nutzen mit weniger Energieaufwand erreicht wird.

Konsistenz bedeutet in diesem Zusammenhang, mit alternativen Materialien und Technologien zu produzieren, die umweltverträglicher sind. Konkret also mit wiederverwertbaren Materialien und mit Hilfe von erneuerbaren Energien.


Suffizienz beschreibt Bestrebungen, weniger Material und Energie zu verbrauchen, indem wir weniger konsumieren – also beispielsweise Geräte reparieren, anstatt sie zu ersetzen, und Gegenstände verstärkt mit anderen Menschen teilen.

Auf einen Teil der nachhaltigen Maßnahmen können also die Bürger direkt Einfluss nehmen. Ein anderer Teil liegt in der Verantwortung der Unternehmen. Diese muss man in der Regel mit sanftem Druck dazu bringen, sich verantwortlich zu verhalten. Das geschieht einerseits durch regulatorische Vorgaben der Regierung. Und andererseits, indem die Verbraucher vorrangig diejenigen Produkte kaufen, die Berücksichtigung nachhaltiger Kriterien hergestellt wurden.


Bereitschaft zu klimaschonendem Handeln 38% Ich beziehe Ökostrom 82% Ich kaufe energie-effiziente Geräte 13% Ich leiste freiwillige ­Kompensationszahlungen bei Flugreisen


Perspektivenwechsel

Damit Nachhaltigkeit funktioniert, muss also jeder einzelne mithelfen. Zwang und Pflichtgefühl alleine sind jedoch nicht die allerbesten Motivatoren. Sinnvoll ist es daher, einen psychologischen Perspektivenwechsel durchzuführen – Nachhaltigkeit also nicht als Einschränkung wahrzunehmen, sondern als Bereicherung. Statt sich also beispielsweise zu sagen: „Oh, wie schade, ich darf mir kein neues Smartphone kaufen, wenn ich dazu beitragen möchte, unseren Planeten zu retten.“, würde eine hilfreichere Einstellung folgendermaßen lauten: „Wie schön! Ich kann mein liebgewonnenes Smartphone noch eine Zeit lang weiterverwenden, wenn ich es reparieren lasse und ihm einen neuen Akku spendiere!“.

Erfolge?

Wie erfolgreich ist Deutschland bislang beim Verwirklichen des Nachhaltigkeitsprinzips? Auskunft darüber gibt der „Indikatorenbericht“ des Statistischen Bundesamts:

Der Anteil der erneuerbaren Energien am Brutto-Endenergieverbrauch beispielsweise stieg im Zeitraum 1990 bis 2017 von 2,0 auf 15,6 Prozent. Das Ziel von 18 Prozent für das Jahr 2020 wird allerdings voraussichtlich nicht erreicht. Bis 2030 soll der Anteil der erneuerbaren Energien auf 30 Prozent und bis 2050 auf 60 Prozent erhöhen werden.


Ein weiterer Indikator für Nachhaltigkeit: der Marktanteil von Produkten mit staatlichen Umweltzeichen. Zwischen 2012 und 2017 stieg dieser Marktanteil von 3,6 auf 8,3 Prozent. Das Ziel bis zum Jahr 2030 liegt bei 34 Prozent. Die Kurve muss also noch stärker steigen als bisher.

Die Treibhausgasemissionen sanken von 1990 bis 2019 um 35,7 Prozent. Bis 2020 sollen diese Emissionen um mindestens 40 Prozent sinken, bis 2030 um 55 Prozent, bis 2040 um 70 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent (jeweils im Vergleich mit 1990).


Greenwashing

Nachhaltigkeit ist mittlerweile ein starkes Kaufargument für viele Konsumenten. Laut einer Forsa-Umfrage im Jahr 2019 sind 48 bis 70 Prozent (je nach Art der Produkte) der Deutschen bereit, für nachhaltige Produkte mehr Geld auszugeben als für herkömmliche Produkte.

Daher werben viele Unternehmen damit, dass ihre Produkte nachhaltig seien. Entweder mit konkreten Behauptungen oder mit „natürlich“ gestalteten Verpackungen oder aber durch das Verwenden von Gütesiegeln. Es gibt allerdings Unternehmen, die es in dieser Hinsicht mit der Wahrheit nicht so genau nehmen – und die Nachhaltigkeit ihrer Produkte gewaltig übertreiben. „Greenwashing“ nennt sich das neudeutsch.


Es gibt etliche Methoden dieser Grünfärberei: Beispielsweise das Betonen einer einzelnen umweltfreundlichen Produkteigenschaft, obwohl andere Eigenschaften dieses Produkts durchaus umweltschädlich sind. Oder das Vergleichen des Produkts mit einem noch weniger umweltfreundlichen Produkt, mit dem Ziel, das eigene Produkt vorteilhaft erscheinen zu lassen. Oder das Verwenden von ökologisch klingenden Begriffen (wie „grün“, „umweltfreundlich“, „natürlich“ oder eben „ökologisch“), die nicht fest definiert und auch nicht gesetzlich geschützt sind – und vom Hersteller auch nicht genauer begründet werden. Oder das Benutzen von beeindruckend aussehenden Gütesiegeln, die jedoch kaum Aussagewert haben. Oder aber das Herausstellen einer einzelnen ökologisch sinnvollen Aktion, obwohl bei den sonstigen Tätigkeiten eines Unternehmens die Umweltschädlichkeit überwiegt.


Leider ist Greenwashing für den Verbraucher gar nicht so einfach zu erkennen. Ein Hinweis darauf, dass ein Produkt tatsächlich „grün“ ist: Der Hersteller beschreibt dessen Umweltfreundlichkeit detailliert, statt sich nur in vagen Versprechungen zu ergehen.

Ebenfalls nützlich ist es, zu recherchieren, ob es sich bei einem verwendeten Gütesiegel wirklich um eine Bewertung einer unabhängigen Institution mit nachvollziehbaren Kriterien handelt – oder lediglich um eine nette Auszeichnung, die der Hersteller sich großzügig selbst verleiht. Eine gute Übersicht über glaubwürdige Auszeichnungen liefert das Projekt „Siegelklarheit“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (www.siegelklarheit.de). Eine gleichnamige Smartphone-App erlaubt es, auch unterwegs bequem die Seriosität von Gütesiegeln zu prüfen.