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  • AutorenbildLisa Gutzelnig

Nachhaltige Start-ups: Der Weg von der Quantität zur Qualität

Die meisten Startup-Gründer, Unternehmer, sind herausragende Visionäre voller genialer Ideen und technische Top-Experten. Um ein Unternehmen aufzubauen und erfolgreich wachsen zu lassen, gilt es, Visionen, Ideen, Wissen umzusetzen.


Ein Wechsel von Quantität zu Qualität und wie nachhaltige Start-ups gelingen können: Manche Führungskräfte vergessen, dass nachhaltig wirtschaften am besten gemeinsam mit und durch andere Menschen geschehen kann. Und ebenso nur im Einklang mit unserer Umwelt möglich ist. Sie müssen neben ihrem Know-how und dem Denken nach oben, auch die Fähigkeit besitzen in die Breite und Tiefe zu denken, denn die Wurzeln des Unternehmens müssen durch zufriedene Mitarbeiter gut verankert sein. Und was braucht ein Baum, um gut verwurzelt zu sein? Gesunde Erde, in die er seine Wurzeln strecken und wachsen lassen kann. Ohne diese Erde sind seine Wurzeln sinnlos.


Die Realität sieht in vielen Start-ups oft anders aus, denn dort dreht es sich im Allgemeinen um „Wettbewerb und Wachstum“. Dieser Druck, der auf allen Beteiligten lastet, wird dann oft ganz bewusst kaschiert, indem ein Lifestyle der „Coolness“ gepflegt wird. Es wird versucht, einen Hype um das noch junge Unternehmen zu kreieren. Ganz nach dem Motto „Wir sind anders, wir sind jung, hip und cool. Wir arbeiten im T-Shirt, haben eine Tischtennisplatte, einen Wuzeltisch und immer ein gekühltes Bier. Es ist cool, lange zu arbeiten. Es ist cool, sich selbst und seine Bedürfnisse hintanzustellen, um das Unternehmen nach vorne zu wirtschaften. Denn das Unternehmen muss wachsen, wachsen, wachsen. Was aber mit dieser Einstellung einher geht, wird oft nicht gesehen. Es sind die Gründe und Hauptursachen unserer Umweltzerstörung: Profitgier, Deregulierung unternehmensinterner Hierarchien, Plünderung der Ressourcen und vor allem der Glaube an ewiges Wirtschaftswachstum.


Absprung vom Wachstumsdiktat


Eine gesunde Wirtschaft muss gedeihen, nicht wachsen. Wenn die britische Ökonomie-Rebellin Kate Raworth ihr Verständnis von einer nachhaltigen Ökonomie erklärt, versetzt sie ihr Publikum oft in Staunen. Sie projiziert gerne Bilder von einem Baum auf weiße Wände der Vortragsräume von Start-ups. Ein Baum wächst ja, aber irgendwann hört er auf zu wachsen, und ab dann steuert er seinen Teil zum Ökosystem bei, indem er Fotosynthese betreibt, den Wasserkreislauf reguliert und anderen Arten ein Biotop bietet. Bäume wachsen eben nicht in den Himmel. Als weiteres Beispiel nennt Raworth die Evolution des Menschen. Sehr veranschaulichend, denn es ist ein Klassiker, den jeder kennt: die Entwicklung vom Affen zum aufrecht gehenden Homosapiens. Auch hier war irgendwann ein Limit erreicht. Natürlich geht es weiter mit der Evolution, aber was sein Maß betrifft, schraubt sich der Mensch nicht durch die Decke. Irgendwann war der Gang aufrecht und er musste nicht mehr auf allen vieren laufen. Ziel erreicht. Gleichgewicht hergestellt. Es gibt kein absolutes Maximum vom „aufrechten Gang“. Denn jede Übertreibung würde genau ins Gegenteil münden, und es würde nicht lange dauern, bis der Homosapiens durch die stetige Rückwärtslage wieder auf den Rücken fällt.


Und dann spricht Kate Raworth vom Prinzip der Weltwirtschaft, wo es sich genau anders verhält und vergleicht die Weltwirtschaft mit einem Flugzeug, das irgendwann mal abgehoben ist, immer höher fliegt und höher und nicht mehr landen kann, weil es nicht mehr landen darf. Und weil unsere Wirtschaft nichts anderes kennt als Wachstum, glaubt sie alle Probleme die das Prinzip des stetigen Wachstums mit sich bringt nur mit noch mehr Wachstum lösen zu können. Da diese Wirtschaft jedoch auf einem im All schwebenden Planeten agiert, der ganz offensichtlich seine Grenzen hat, MUSS das Wachstumsmodell irgendwann scheitern.


Qualität statt Quantität


Wenn Raworth von „Gedeihen“ spricht anstelle von Wachstum, dann meint sie Veredelung, Verbesserung und Qualität statt Quantität. Denn es gibt immer eine Zeit des Wachsens und eine Zeit des Gedeihens und Reifens. Die Wirtschaftswissenschafterin, die bei den Vereinten Nationen gearbeitet hat, hat im Sinne ihrer Bildsprache die sogenannte „Donut- Ökonomie“ erfunden. Sie betrachtet die Bilder aus den Mainstream-Lehrbüchern hauptsächlich als intellektuelles Graffiti. Und Graffiti ist sehr schwer zu entfernen.


Der Donut veranschaulicht die Belastungszentren der Erde. Im Inneren der Ringe sind die Sektoren eingetragen, die den Alltag der menschlichen Zivilisation etablieren wie Energie, Nahrung, Wasser, Wohnung oder Bildung. Jenseits der Ringe werden die ökologischen Konsequenzen angezeigt, die sich ergeben, wenn die natürlichen Grenzen überschritten werden – also Klimawandel, Artensterben und Luftverschmutzung etc. Raworth fragt daher, was verändert werden muss, um das Innere des Donuts so zu transformieren, dass es auch im Inneren bleibt: Die Antwort ist DESIGN!


Die Britin weist gerne darauf hin, dass es zuallererst um die Justierung des Unternehmensdesigns gehen muss. Auf fünf Designmerkmale, die sie jedes Mal hinterfragt, kommt es laut Raworth an.


1. Der Zweck

Warum gibt es Sie als Unternehmen überhaupt?


2. Die Netzwerke

Wer sind die Lieferanten, Kunden, Verbündeten und Partner im industriellen Ökosystem? Verstärken diese die Unternehmenswerte oder werden sie von ihnen untergraben?


3. Die Unternehmensführung

Wer hat ein Mitspracherecht bei der Entscheidungsfindung? Welche Kennzahlen bestimmen den Erfolg? Welche Anreize bieten Sie den mittleren Führungskräften?


4. Die Eigentumsverhältnisse

Wem gehört das Unternehmen überhaupt? Den Mitarbeitern, dem Gründer, der Familie, den Aktionären? Jede Form hat andere Auswirkungen.


5. Die Finanzen

Woher kommt das Geld? Investieren Sie die Rendite wegen oder weil Sie einen sozialen und ökologischen Wandel in Ihrem Unternehmen sehen wollen?


Wie soll der Wandel gelingen?


So unterschiedliche diese Start-ups sind, zeigen sie gemeinsam eines auf: Die Menschheit muss sich Zeit nehmen, um neue Träume zu wagen von einer Welt, in der sie sich neu erfinden muss, um weiter vorhanden zu sein. Es ist an der Zeit, ein neues Kapitel der Ökonomie aufzuschlagen, denn der Planet steht kurz vor dem Kollaps.


Dass das System Veränderung dringend nötig hat, wird ja nicht angezweifelt. Die eigentliche Frage lautet: „Wie soll ein solcher Wandel gelingen?“


Nun wirkt die Donut-Ökonomie ein wenig aus der Zeit gefallen. Man kann es naiv bis frivol finden, dass eine Wirtschaftswissenschafterin aus Oxford eine Süßigkeit als Modell anbietet. Aber vielleicht gerade deshalb ist das Buch so lesenswert: Weil es den Leser so erfrischend über Missstände unserer Tage hinausführt. Und etwas anbietet, was wir alle so dringend brauchen und womit in der großen Welt-Ökonomie dieser Tage kaum noch jemand rechnet: eine Art Happy End.

Wir stellen vier inspirierende Start-up-Geschäftsmodelle vor, die auch für unseren Planeten ein Gewinn sind:


Klimaneutral im Internet


Es klingt so schwerelos, so frei, so nachhaltig, wenn wir hören, dass unsere Daten in einer Cloud liegen. Das Gegenteil ist der Fall, denn hinter dem Begriff stecken stetig wachsende Serverfarmen, die als Datenspeicher und Verarbeiter funktionieren und große Energiemengen verbrauchen, manche Farmen soviel wie eine Kleinstadt. Alleine Google mit seinen beliebten Anwendungen wie MAPS oder YOUTUBE soll jährlich genau so viel Strom verbrauchen wie ganz San Francisco. Es sind nicht nur die rund um die Uhr laufenden Server, die Strom fressen, sondern auch deren Kühlung. An der schleswig-holsteinischen Küste setzt das Start-up „Windcloud“ ein nachhaltiges Zeichen gegen den negativen Klimaeffekt energieintensiver Rechenzentren. Die dortigen rund 100 Serverblocks werden nicht nur klimaneutral mit Windenergie aus der Nachbarschaft betrieben. Auch die entstehende Abwärme der Server wird sinnvoll genutzt, sie heizt direkt vor Ort Wasserbassins und verhilft darin treibenden Blaualgen zum Wachstum. Diese absorbieren Kohlendioxid aus der Luft.


Geschäftsführer Stephan Sladek ist überzeugt: „Was auf überschaubarer Fläche funktioniert, lässt sich auch im großen Stil umsetzen und auf ganz Deutschland oder Europa übertragen.“

 

Katrin Schuhen im Kampf gegen Mikroplastik

Ihre Entdeckung überraschte sogar die Forscherin selbst. Katrin Schuhen steht 2016 vor einem Versuchsaufbau und beobachtet wie aus dem mit Mikroplastik durchsetzen Wasser weiße Klumpen aufsteigen. Vorher hatte die Chemikerin Hybridkieselgel hinzugegeben, eine relativ profane Silizium-Kohlenstoff-Kombination. Wie von Zauberhand konnte diese Zutat die unsichtbaren Plastikpartikel binden und aneinanderkleben. War das der Beginn der Rettung vor der Mikroplastikseuche, die inzwischen jedes Gewässer der Erde erreicht hat? Mit ihrer Entdeckung machte sich die Erfinderin selbstständig. Sie nannte ihr Start-up „Wasser 3.0“ und will nun den Prozess der Wasserreinigung komplett neu denken. Dafür nimmt sie die Hotspots ins Visier, deren Gewässer mit hohen Schadstoffmengen aus Pestiziden, Pharmazeutika, Schwermetallen und Phosphaten ausgesetzt sind: Kläranlagen, Wasserauffangbecken, Industriebetriebe. Dort sieht sie die Zukunft ihrer Kieselgeleinspritzer. Ein Prototyp der Forscherin arbeitet bereits erfolgreich in der städtischen Kläranlage von Landau.

 

Laufend Pflanzen

Vielen kleine Schritte führen zum Ziel. Vor vier Jahren zog Petit nach Berlin. Er trat einer Laufgruppe bei und beschäftigte sich mit dem Thema Umweltschutz. So entstand die Idee, den Communitygedanken der Läufe mit Nachhaltigkeit zu verbinden. „Meine Freunde nutzten Fitness-Apps, die kein höheres Ziel hatten, als fit zu bleiben. Das wollte ich ändern.“


Petit ging auf Betriebe zu und sagte: „Ich habe 250 Leute, die laufen wollen, wie wäre es, wenn ihr für die zurückgelegten Kilometer Bäume pflanzt?“ Die Idee kam an, zwei Mitgründer stießen dazu. Seit Juni 2020 ist die App fertig, wer mit ihr läuft, kann laufend Bäume pflanzen – finanziert durch Unternehmen, die in der App Werbung schalten. Auch Radfahren, Surfen, Yoga oder Schwimmen zählen. Nach sechs Monaten hatten 13.000 aktive User mehr als 160.000 Bäume gepflanzt. Vor kurzem wurde ein Meilenstein von einer Million gespendeten Bäumen erreicht.





 

Plastik aus der Natur

Nicht einmal ein Drittel der Kunststoffabfälle in der EU wird recycelt – stattdessen landen Plastikabfälle meist auf Mülldeponien oder geraten in die Gewässer, wo sie die Umwelt auf Jahrhunderte hinaus belasten können. Eine Plastiktüte braucht laut Angaben des Naturschutzbundes zwanzig Jahre, bis sie zerfällt, eine Plastikflasche sogar 450 Jahre.

Das 2020 von Dr. Anne Lamp und Johanna Baare in Hamburg gegründete Start-up „Traceless Materials“ hat das Verpackungs-„Game“ ausgespielt. Das von den beiden entwickelte Material funktioniert wie Plastik, ist jedoch vollständig kompostierbar. Die Basis bilden pflanzliche Reststoffe aus der Agrarindustrie. „Traceless Materials“ extrahiert natürliche Biopolymere, also Zellstrukturen wie Proteine, aus Pflanzenresten in einem patentgeschützten Verfahren. Anstatt also neue Polymermoleküle synthetisch herzustellen, werden die verwendet, die die Natur bereits produziert hat.



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