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  • AutorenbildLisa Gutzelnig

Emotionen leben dürfen

Glücklich sind diejenigen, die all ihren Emotionen Raum geben können. Der Mensch ist ein fühlendes Wesen, geboren, um diesen Gefühlen auch Ausdruck und Raum zu geben. Sie zu zeigen, ist ein Zeichen der Stärke und nicht der Schwäche. Ein richtig lautes Lachen, Wut, Tränen der Freude oder des Leides, Ängste, Verzweiflung, sich trauen die Meinung zu sagen und dazu zu stehen – all das gehört zum Menschsein dazu.


Einige von uns leben noch mit dem Spruch im Ohr: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Viele schweigen lieber anstatt das aus- oder anzusprechen, was einem schon lange nicht mehr passt. Wenn diese Verhaltensweisen und Muster ein Leben lang praktiziert werden, bewirkt das etwas im Körper und auch in unserem Wesen. Wir verändern uns als Menschen und gehen mehr und mehr in die Isolation, ins Alleinsein. Jedoch sind wir geboren worden, um uns auszudrücken, uns zu zeigen und dafür zu leben, was letztendlich unsere Bestimmung ist. Nach einer gewissen Zeit verursachen Blockaden Schmerzen im Körper und das Gefühl, von sich selbst und anderen getrennt zu sein. Dies kann wiederum Traurigkeit verursachen. Unterdrückte Emotionen führen meist in eine Abwärtsspirale. Menschen, die ihre Emotionen leben können, erhalten mehr Kraft und Energie, nachdem sie ihre emotionale Entladung hatten.


Hinweise auf unerfüllte Bedürfnisse


Die eigenen Gefühle erkennen und benennen zu können, ist maßgeblich dafür entscheidend, dass wir unsere Bedürfnisse befriedigen können. Körperliche Gefühle wie Hunger zum Beispiel zeigen uns, dass der Körper ein Bedürfnis nach Nahrung hat. Müdigkeit deutet auf ein unerfülltes Schlafbedürfnis hin. Häufig fällt es uns bei körperlichen Bedürfnissen leichter vom Gefühl auf das passende Bedürfnis zu schließen. Aber auch Gefühle wie Einsamkeit, Frustration oder Eifersucht weisen auf unerfüllte Bedürfnisse hin (z. B. Verbundenheit, Unterstützung oder Sicherheit). Hier spielt auch immer der Kontext eine Rolle.


Emotionen und Gedanken – eine wechselseitige Beziehung


Zum einen beeinflussen unsere Gefühle unsere Gedanken und andersherum beeinflussen auch unsere Gedanken unsere Gefühle. Die Energie folgt jedoch den Gedanken. Wenn wir einen „schlechten Tag haben“ und „down“ sind, dann sind wir in die negative Richtung gepolt. Ein Gedanke wie „Ich schaffe das nicht!“ kann zu Gefühlen wie Resignation oder Angst führen. Die deutsche Sprache erschwert es uns häufig, zwischen Gefühlen/Emotionen und Gedanken/Kognitionen zu unterscheiden.


Achtsamkeit bei Emotionen


Achtsamkeit ist die Bereitschaft, Emotionen zunächst voll und ganz und ohne vorzeitiges Urteil zu erleben, also wertfrei wahrnehmen zu können. Sie ist der erste Schritt zu neuen Ufern. Wenn uns bestimmte Muster, Probleme und dysfunktionale Aspekte unseres Alltags nicht bewusst sind, können wir an ihnen auch nichts verändern. Ebenso müssen wir unsere Gefühle zunächst achtsam betrachten lernen, ehe wir Wege finden können, mit ihnen umzugehen.


Es ist wichtig, dass wir unsere Gefühle nicht nur achtsam wahrnehmen, sondern ihnen auch Zeit und Bedeutung schenken, wenn sie auftreten. Durch das Zulassen von Emotionen entsteht kein körperlicher oder seelischer Schaden. Im Gegenteil! Es ist enorm wichtig, alle Emotionen in allen Qualitäten zuzulassen und zu fühlen. Indem wir uns ihnen öffnen, müssen wir ihnen nicht länger mit Vermeidungsverhalten oder Ablenkung begegnen.



Warum wir Gefühle zulassen müssen


Viele Menschen vermeiden Emotionen, indem sie Situationen und Erfahrungen ausweichen, die Gefühle auslösen. Beispielsweise gehen sie Menschen und Situationen aus dem Weg oder suchen sie nur in Begleitung auf, um Gefühle von Misserfolg oder Angst zu umgehen. Außerdem sind wir in der heutigen Gesellschaft Meister der Ablenkung geworden.


Alkohol, Netflix, Instagram, Computer- spiele – all diese Dinge eignen sich hervorragend, um in eine nette Welt abzutauchen. Sich von den Gefühlen abzulenken oder versuchen, sie zu ignorieren, kann jedoch unangenehme Folgen haben. Denn Emotionen beinhalten Energie. Sie geht nach dem Energieerhaltungssatz nicht verloren, sondern wird nur umgewandelt. Wenn wir also die Energie der Wut nehmen und diese tief in uns reinfressen, dann wird diese nicht in uns „verdaut“, sondern sucht sich andere Wege, um ans Tageslicht zu kommen. Diese Wege können sich dann in Form von depressiven Verstimmungen, Panikattacken, Schmerzen oder Verdauungsproblemen äußern.


Deswegen ist es wichtig, aufkommende Emotionen anzunehmen, da sein zu lassen und zu ergründen, was dieses Gefühl uns mitteilen möchte. Das klingt zwar recht einfach, ist aber harte Arbeit. Denn selbst wenn auch unangenehme Gefühle nützlich sind, ist es immer noch schwer sie auszuhalten. Oftmals ist es regelrecht schmerzhaft.


Die gute Nachricht ist: Jedes Gefühl geht vorbei, wenn wir ihm Raum geben, da zu sein! Genauso wie wir die Freude über den ersten Ferientag in der Schulzeit nicht festhalten konnten, werden auch Gefühle von Frustration, Trauer, Besorgnis, Hoffnungslosigkeit nicht ewig in unserem Leben bleiben. Wenn sie ihrer Aufgabe gerecht werden konnten, lösen sich die Gefühle auf und sind vorbei.


Wie man Emotionen annehmen kann


Wenn wir Gefühle also nicht vermeiden sollen, brauchen wir Alternativen, wie wir mit ihnen umgehen können. Ein erster Schritt in diese Richtung, der sich als sehr hilfreich erwiesen hat, ist die Akzeptanz. Das bedeutet, bei der Emotion zu bleiben, ohne sie zu bewerten oder zu verändern und sich dem natürlichen Verlauf der Emotion mit ihren Aufwärts- und Abwärtsbewegungen auszusetzen.


Stellen Sie sich vor, Emotionen sind Wellen im Meer. Sie kommen und gehen und egal, was wir versuchen, wir können sie nicht aufhalten. Wir können uns aber an den Strand stellen und das Kommen und Gehen der Wellen zunächst beobachten. Im Gegensatz zu Vermeidungs- oder Ablenkungsstrategien wollen wir die Emotion nicht „weghaben“, sondern akzeptieren ihr Vorhandensein im aktuellen Moment voll und ganz.


Emotionen erzeugen meist einen starken Drang zu handeln. Wenn wir uns Zeit für das Beobachten (also das Spüren der Emotionen genommen haben) können wir überlegen, welche Handlungstendenz mit dieser Emotion verbunden ist bzw. welches Bedürfnis sich vielleicht hinter der Emotion verbirgt.


Das Aufkommen der Emotionen können wir nicht beeinflussen. Was wir jedoch steuern können, ist unser Verhalten bzw. bestimmten Verhaltenstendenzen auch nicht nachzukommen.


Emotionswahrnehmung und Gefühlsregulation


Wir kommen also nicht drum herum, uns mit unseren Gefühlen immer wieder zu befassen – unabhängig davon, wie angenehmen oder unangenehm sie sind. Damit wir allerdings nicht von den Wellen der Emotionen hin- und hergeworfen werden – bis wir wie ein Schiff auf hoher See untergehen – gibt es verschiedene Strategien, wie man insbesondere mit den unangenehmen Emotionen besser umgehen kann.


Gefühlsdiversität – Abwechslung im emotionalen Ökosystem


Einige neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass es nicht nur auf das Vorhandensein von guten Gefühlen ankommt bzw. darauf, wie intensiv wir diese empfinden. Auch die Vielfalt unserer Gefühlswelt scheint mit unserer körperlichen und seelischen Fitness in Verbindung zu stehen. In natürlichen Ökosystemen spielt Vielfalt eine entscheidende Rolle: Ohne ein gewisses Maß an unterschiedlichen Arten – und einen gut durchmischten Genpool – brechen Lebensgemeinschaften in freier Wildbahn zusammen. Was wäre also, wenn unser emotionales Ökosystem ebenfalls eine Fülle von unterschiedlichen Gefühlen benötigt, um im Gleichgewicht zu bleiben? Wer zum Beispiel immer nur traurig ist, läuft schnell Gefahr, eine Depression zu entwickeln. Kommen jedoch andere Emotionen wie Wut hinzu, könnte das eine Person davor bewahren, sich allzu sehr vor ihrer Umwelt zurückzuziehen, argumentieren die Forscher.


In Anlehnung an den Begriff der Biodiversität haben Forscher deshalb den Begriff der „emotionalen Diversität“ geschaffen – auf Englisch „emodiversity“. Personen, die sich abwechselnd glücklich, enthusiastisch, stolz, gelassen, belustigt, traurig, schuldig, nervös und wütend fühlen, attestieren Wissenschaftler dabei zum Beispiel eine höhere emotionale Diversität als jenen, deren Gefühlsleben überwiegend von einigen wenigen Emotionen wie Freude, Stolz und Traurigkeit bestimmt wird. Ein derart abwechslungsreiches Gefühlsleben geht mit vielen gesundheitlichen Vorteilen einher.


Denn auch negative Emotionen scheinen ihre Berechtigung im Wechselbad der Gefühle zu haben. Emotionale Diversität steht auch dann noch mit einer besseren Gesundheit in Verbindung, wenn vorwiegend schlechte Gefühle mitmischen: Je bunter das Gemütsleben, desto weniger zeigen sich Anzeichen einer Depression – selbst dann, wenn Gefühle wie Trauer, Angst oder Scham sich abwechseln. Wenn schon negative Emotionen, dann ist es wichtig ein großes Spektrum an negativen Emotionen zu fühlen, denn das zeugt von einer besseren psychischen Verfassung als ein eintöniges negatives Gefühlsleben.


„Das Ziel im Leben ist nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und all unsere Tränen zu weinen.“, Marshall Rosenberg, amerikanischer Psychologe und Mediator

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